Mit einer politisch aufgeladenen Pressekonferenz, der Premiere des Eröffnungsfilms NO GOOD MEN und der Verleihung des Goldenen Ehrenbären an Michelle Yeoh hat die 76. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele Berlin begonnen.
Vom 12. bis 22. Februar 2026 versammeln sich Filmschaffende, Branchenvertreter*innen sowie Publikum in Berlin. Rund 400 Filme in mehreren Sektionen und etwa 300.000 verfügbare Tickets bilden den Rahmen eines Festivals, das sich traditionell als politisch sensibles A-Festival zwischen Cannes und Venedig positioniert. Es ist die zweite Ausgabe unter der künstlerischen Leitung von Tricia Tuttle – und sie begann direkt kontrovers. Der Livestream zur eröffnenden Pressekonferenz der Internationalen Jury setzte zeitweise aus, unter anderem während einer Frage zur Positionierung der Jury im Kontext des Gaza-Kriegs. Das Festival verwies später auf technische Probleme beim Web-Streaming; die vollständige Aufzeichnung wurde nachträglich online gestellt. Auf die politische Nachfrage reagierte Tuttle ausweichend und lenkte den Fokus zurück auf die Filme des Festivals. Jurymitglied Ewa Puszczyńska erklärte, Kino sei kein politisches Instrument im engeren Sinne, sondern arbeite über Empathie und Perspektivwechsel.
Wim Wenders ergänzte, Filme könnten Denkweisen verändern, nicht jedoch politische Programme; man müsse sich „aus der Politik heraushalten“ und stattdessen „die Arbeit der Menschen“ leisten. Inhaltlich kreiste die Juryvorstellung jedoch in erster Linie um die allgemeingültige Wirkung des Films. „Kino ist mein Leben“, sagte so Jury-Mitglied Shivendra Singh Dungarpur und verwies auf das von ihm betriebene Kino in Mumbai, in dem Vorführungen bewusst kostenfrei stattfinden. Auch Bae Doona beschrieb das Kino als existenziellen Bestandteil ihres Lebens: „Es ist alles für mich“, sagte sie. Sie empfinde es als Privileg, „als Schauspielerin im Kino leben zu dürfen“. Min Bahadur Bham hob die gesellschaftliche Dimension hervor. Kino gebe ihm „Kraft, Positivität, Hoffnung“. Es ermögliche, über den eigenen geografischen und sozialen Raum hinauszublicken: Man sitze im Wohnzimmer – und erhalte Zugang zu den Geschichten anderer Länder und Kulturen. Darin liege Empathie, Mitgefühl und die Möglichkeit, „Barrieren in der Welt zu durchbrechen“. Am Abend folgte die Premiere von NO GOOD MEN der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat, der außer Konkurrenz lief.
Das 103-minütige Politdrama, eine Koproduktion aus Deutschland, Frankreich, Norwegen, Dänemark und Afghanistan, spielt im Kabul des Jahres 2021, kurz vor der Rückkehr der Taliban. Im Zentrum steht Naru, die einzige Kamerafrau eines großen Fernsehsenders, die um das Sorgerecht für ihren Sohn kämpft und überzeugt ist, dass es in Afghanistan keine guten Männer gebe. Sadat, die 2021 selbst aus Afghanistan evakuiert wurde und heute in Hamburg lebt, betonte in der Pressekonferenz zur Premiere, sie habe keinen repräsentativen Film über „alle afghanischen Frauen“ drehen wollen, sondern eine Figur, die sie kenne und verstehe. Der Alltag in Kabul sei nicht ausschließlich von Tragik geprägt, sondern enthalte Humor und Widersprüche. Internationale Produktionen hätten Afghanistan häufig auf den Krieg reduziert; sie habe dem eine persönliche Perspektive entgegensetzen wollen. Sadat schilderte die Dreharbeiten als künstlerisch wie emotional herausfordernd. Sie habe sich „durch einen Ozean aus persönlichen und gesellschaftlichen Traumata“ bewegen müssen. Während ihrer Recherche 2021 begleitete sie Journalist*innen in Kabul, las ungefiltert Nachrichten aus Krisengebieten und entwickelte Angstzustände.
Der Prozess habe sie gezwungen, einen eigenen künstlerischen Standpunkt gegen äußere Erwartungen zu verteidigen. Die titelgebende Aussage „No good men“ beschrieb sie als kollektive Erfahrung vieler Frauen in patriarchalen Strukturen, nicht als endgültige Wahrheit. Der Film sei auch „für wirklich gute Männer“ gemacht. Auf die Frage nach der Auswahl als Eröffnungsfilm erklärte Berlinale-Intendantin Tuttle, die Entscheidung sei Ergebnis eines gemeinsamen kuratorischen Prozesses gewesen. Man habe in dem Werk eine politische Dimension erkannt, zugleich aber eine emotionale Vielschichtigkeit, die das Publikum überraschen könne. Die offizielle Eröffnung im Berlinale Palast verband Glamour und gesellschaftliche Zeichen. Auf dem roten Teppich erschienen unter anderem Matthias Schweighöfer mit Ruby O. Fee, Daniel Brühl mit Felicitas Rombold, Alexander Scheer, August Diehl, Katharina Schüttler, Karoline Herfurth, Hannah Herzsprung sowie Lars Eidinger. Aber es waren auch international bekannte Stars auf dem roten Teppich wie die aus der HBO-Serie THE LAST OF US bekannte Bella Ramey, die ihren ersten Berlin-Besuch in einem Video-Beitrag des Festivals als „sehr aufregend“ bezeichnete.
Den emotionalen Höhepunkt bildete die Verleihung des Goldenen Ehrenbären an Michelle Yeoh. Den Begriff „Lebenswerk“ relativierte sie bewusst. „Es ist ein großes Wort. Es klingt nach einem Abschluss“, sagte sie. Sie verstehe ihn lieber als „eine Pause – einen Moment, um zu atmen, zurückzublicken und dann weiterzugehen“. Mit einem ironischen Einschub fügte sie hinzu, sie halte den Bären vorsichtig fest, „damit mir niemand diesen Bären wieder wegnimmt“. Sie erinnerte an ihre Anfänge als Schauspielerin aus Malaysia und würdigte die kollektive Arbeit des Kinos: „Kino ist niemals ein einsames Unterfangen“, sagte sie. „Selbst der intimste Moment auf der Leinwand wird von vielen Händen getragen. Dieser Bär trägt sie alle in sich.“



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