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Swing Ride

Swing Ride ©Simona Pampallona | tempesta

SWING RIDE ist der vierte Film und der zweite Spielfilm von Regisseurin Chiara Bellosi. Bereits mit PALAZZO DI GIUSTIZIA war sie 2020 bei der Berlinale vertreten und für den besten ersten Spielfilm sowie für den silbernen Bären als bester Film in der Sektion Generation 14plus nominiert. In ihrem neuen Werk setzt sie auf einen recht jungen Cast, der im Wesentlichen nur aus Newcomer:innen besteht. Einzig Barbara Chichiarelli hat bereits internationale Spielerfahrung sammeln können und war zuletzt gerade in BAD TALES – ES WAR EINMAL EIN TRAUM zu sehen.

Darum geht es…

Mit ihren 15 Jahren ist Benedetta die älteste Tochter der Familie und eigentlich in der Phase, zunehmend Verantwortung zu übernehmen. Sie selbst besitzt jedoch ein eher geringes Selbstbewusstsein und tritt eher als introvertierte Person auf, die sich gerne von der gesamten Welt abschotten möchte. Dies resultiert daraus, dass sie an Übergewicht leidet und auch das gemeinsame familiäre Arbeiten an diesem Problem ihr nicht hilft. In der Schule wird sie eher ausgegrenzt. Als eines Tages direkt vor der Tür ein Jahrmarkt stattfindet, lernt sie durch Zufall Amanda kennen, die neben ihrer Schulfreundin offenbar die einzige Person ist, die die wirkliche Benedetta sieht. Schnell freunden sich die Beiden an und verbringen viel Zeit miteinander, worunter nicht nur die Schule zu leiden hat. Doch was passiert nur, wenn der Jahrmarkt schließlich weiterziehen muss?

Rezension

Grundsätzlich stellt SWING RIDE ein unscheinbares, kleines, Coming of Age Drama dar, welches absolut den heutigen Zeitgeist trifft. Der Film punktet vor allem mit toller, harmonischer Musik, die nicht gerade aufdringlich auftritt, aber doch das ganze Werk ein wenig dahinschweben lässt. Zudem sind die beiden Hauptdarstellerinnen recht sympathisch und gehen in ihrer Rolle fabelhaft auf. Besonders Andrea Carpenzano, die Amanda verkörpert und damit in eine Rolle schlüpft, die noch immer untypisch für die Kinoleinwände ist. Als transsexuelle oder Nicht-binäre Person – es ist nicht genau erkennbar, wessen sie sich zugehörig fühlt – gehört die Figur zu einer vollkommen unterrepräsentierten Gruppe von Menschen, was dem Film schon einmal einen ganz besonderen Reiz gibt.

Swing Ride

Swing Ride ©Simona Pampallona | tempesta

Im Zentrum der Geschichte steht die Entwicklung einer Freundschaft und möglicherweise sogar tieferen Gefühlen. Regisseurin Bellosi schafft es wunderbar, eine breite Struktur von Charakteren zu entwickeln und für so ziemlich jede konsumierende Person eine Bezugsfigur zu entwickeln. Ich selbst habe viele Ähnlichkeiten zu mir in den Eigenschaften der Hauptfigur Benedetta wiedergefunden und habe mich mit Leichtigkeit in sie hineinversetzten können. Nichtsdestotrotz wirkten einige Handlungen sehr affektiv und keiner logischen Struktur folgend. Manche Elemente wurden scheinbar nur eingefügt, um einen gewissen Feel-Good-Charakter einzubinden und vom eher langsamen Pacing abzulenken.

Leichter Film mit harten Themen

Zudem werden mehrere verschiedene Problematiken angesprochen, die aktueller denn je sind. Dazu zählen unter anderem das Übergewicht von Kindern, die klassische Außenseiterthematik, die sich auf mehrere Faktoren beziehen lässt, sowie in Ansätzen, Prostitution und der Umgang mit Drogen und Familienkonflikten. Dies sind ohne Frage spannende Elemente, die recht sanft in die Handlung eingeflochten werden und eher beiläufig ihren Platz finden. Leider jedoch ist der Umgang mit den Themen oftmals nur mangelhaft gelungen und präsentiert sich in einem äußerst unansehnlichen Licht. Während dem Drogenkonsum gerade mal eine einzige Szene gewidmet wird und hier überhaupt keine Wertung stattfindet, sondern diese einfach nur aus dem Selbstzweck gezeigt wird, dass kurzzeitig der Unterhaltungsgrad des Films gesteigert werden soll, werden die anderen Themengebiete doch ein wenig ausführlicher aufgegriffen.

Wenn du dünner wärst, wärst du besser.<span class="su-quote-cite">Swing Ride</span>

Besonders unangenehm aufgefallen ist mir dabei die Fokussierung auf das Übergewicht, der Umgang damit sowie die erschreckend eklige, klischeehafte Darstellung. Während die Einführung des Films noch suggeriert, dass die Familie die Problematik erkannt hat und gemeinsam daran arbeitet, der Tochter zu helfen, von den zusätzlichen Pfunden wegzukommen und dafür sogar medizinischen Rat einholt, lassen diese starken ersten Eindrücke doch erschreckend schnell nach und schlagen ins komplette Gegenteil um. Statt deutlich zu machen, wie schwer es Kinder haben, die unter Übergewicht leiden und dies offenbar nicht mal freiwillig, da die Mutter darauf verweist, dass das Mädchen gar nicht so viel isst und sie sich sogar selbst mit etwas falschen Methoden um die Ernährung der Tochter kümmert, wird dieses ganze Konzept einfach über Bord geworfen, in dem das junge Mädchen mit einer Schachtel Süßigkeiten auf dem Zimmer gezeigt wird.

Swing Ride

Swing Ride ©Simona Pampallona | tempesta

Fat-Shaming in der reinsten Form

Schon an dieser Stelle ist mit fast die Galle hochgekommen, denn es scheint ein regelrechter Wahn von schlanken Menschen zu sein, dass alle beleibteren Personen sich heimlich mit ungesundem Kram vollstopfen. Natürlich gibt es auch diesen Fall immer wieder, doch kurioserweise wird nie in Filmen einmal das Gegenteil gezeigt. Die Krönung erfährt der Film jedoch, als Benedetta eines Nachts heimlich an den Kühlschrank geht und sich bedient. Nicht nur, dass sie den guten Schinken regelrecht in sich hineinstopft, anstatt ihn ein wenig zu genießen (dicke Menschen können offenbar Lebensmittel nicht in ihrer Geschmacksvielfalt auskosten), aus Verzweiflung beißt sie sogar in rohes Hähnchen und ist eine komplette Packung davon auf. Ab diesem Moment war ich einfach nur noch stinkig, hochgradig verärgert und fühlte mich komplett von dem Werk verarscht. Dies ist einfach eine dreiste Verhöhnung eines Gesellschaftszweigs, der ohnehin schon mit vielen Problemen zu kämpfen hat.

Fazit

So nett und angenehm SWING RIDE über seine recht kurze Spieldauer dahinfließt, so extrem sind doch einige erzählerische Auswüchse, die offenbar jeglichem Realitätsverlust gleichen. Ich leugne nicht, dass ich über weite Teile dem Geschehen recht gerne zugesehen habe, auch wenn ich mich zwischenzeitlich immer wieder gefragt habe, worauf der ganze Film eigentlich hinauslaufen soll. Mit gerade einmal rund 80 Minuten Spieldauer erwartet man zudem einen sehr kurzweiligen Film, doch ein Blick zur Uhr verrät immer wieder, dass sich die Story extrem in die Länge zieht und ungewöhnlich schleppend wirkt auch weil eben kein konkreter Höhepunkt und kein klares Ziel auszumachen sind. Ich bin dennoch unfassbar geschockt, einerseits solch ekelhafte Klischees in der heutigen Zeit auf der Leinwand erblicken zu müssen und finde es umso schrecklicher, dass scheinbar ein Teil des Publikums von genau diesen Elementen auch noch amüsiert war. Ein absolutes No-Go!

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Swing Ride

Swing Ride ©Simona Pampallona | tempesta

SWING RIDE is the fourth film and the second feature film by director Chiara Bellosi. She was already represented at the Berlinale in 2020 with PALAZZO DI GIUSTIZIA, which was nominated for Best First Feature Film and for the Silver Bear as Best Film in the Generation 14plus section. In her new work, she relies on a fairly young cast, which essentially consists only of newcomers. Only Barbara Chichiarelli has already gained international acting experience and was recently seen in FAVOLACCE.

What it’s all about…

At 15, Benedetta is the eldest daughter in the family and is actually at the stage of taking on increasing responsibility. However, she herself has a rather low self-confidence and appears more as an introvert who likes to shut herself off from the whole world. This results from the fact that she suffers from overweight and that even working together as a family on this problem does not help her. At school she tends to be ostracised. One day, when a fair takes place right outside her door, she meets Amanda by chance, who is apparently the only person besides her school friend who sees the real Benedetta. The two quickly become friends and spend a lot of time together, which not only affects the school. But what happens when the fair finally has to move on?

Review

Basically, SWING RIDE is an inconspicuous, small, coming-of-age drama that is absolutely in tune with today’s zeitgeist. The film scores points above all with great, harmonious music, which is not exactly obtrusive, but still allows the whole work to float along a little. In addition, the two leading actresses are quite likeable and are fabulous in their roles. Especially Andrea Carpenzano, who embodies Amanda and thus slips into a role that is still atypical for the cinema screens. As a transsexual or non-binary person – it is not exactly clear what she feels she belongs to – the character belongs to a completely underrepresented group of people, which already gives the film a very special appeal.

Swing Ride

Swing Ride ©Simona Pampallona | tempesta

At the centre of the story is the development of a friendship and possibly even deeper feelings. Director Bellosi manages wonderfully to develop a broad structure of characters and a reference figure for pretty much every consuming person. I myself found many similarities to myself in the characteristics of the main character Benedetta and was able to empathise with her with ease. Nevertheless, some actions seemed very affective and did not follow a logical structure. Some elements were seemingly inserted only to include a certain feel-good character and to distract from the rather slow pacing.

Light film with tough themes

In addition, several different problematic issues are addressed that are more topical than ever. These include child obesity, the classic outsider theme, which can be related to several factors, as well as in rudiments, prostitution and dealing with drugs and family conflicts. These are without question exciting elements that are woven quite gently into the plot and find their place rather casually. Unfortunately, however, the handling of the themes is often poorly done and presents itself in an extremely unsightly light. While just one scene is devoted to drug use and no evaluation takes place here at all, but it is simply shown for the sake of briefly increasing the entertainment level of the film, the other topics are taken up in a little more detail.

If you were thinner, you’d be better.<span class="su-quote-cite">Swing Ride</span>

I was particularly unpleasantly struck by the focus on obesity, the way it is dealt with and the frighteningly disgusting, clichéd portrayal. While the introduction of the film suggests that the family has recognised the problem and is working together to help their daughter get rid of the extra pounds and even seeks medical advice, these strong first impressions fade frighteningly quickly and turn into the complete opposite. Instead of making clear how difficult it is for children who suffer from overweight, and apparently not even voluntarily, since the mother points out that the girl doesn’t eat that much at all and that she even takes care of her daughter’s diet herself with somewhat wrong methods, this whole concept is simply thrown overboard by showing the young girl with a box of sweets in her room.

Swing Ride

Swing Ride ©Simona Pampallona | tempesta

Fat-shaming in its purest form

Already at this point, my bile almost came up, because it seems to be a real delusion of slim people that all obese persons secretly stuff themselves with unhealthy stuff. Of course, there is always this case, but curiously enough, the opposite is never shown in films. The film’s crowning achievement, however, is when Benedetta secretly goes to the fridge one night and helps herself. Not only does she literally stuff the good ham into herself instead of enjoying it a little (fat people obviously can’t savour food in its variety of flavours), out of desperation she even bites into raw chicken and is a complete pack of it. From that moment on I was just pissed off, highly annoyed and felt completely screwed by the work. This is just a brazen mockery of a section of society that already has a lot of problems to deal with.

Conclusion

As nice and enjoyable as SWING RIDE flows along over its fairly short playing time, there are some extreme narrative excesses that seem to resemble any loss of reality. I won’t deny that I enjoyed watching the action for long stretches, even though I kept asking myself what the point of the whole film was. With a running time of just 80 minutes, one expects a very entertaining film, but a glance at the clock reveals again and again that the story drags on and on and seems unusually slow, also because there is no concrete climax and no clear goal. I am still incredibly shocked to see such disgusting clichés on the screen in this day and age and find it all the more appalling that some of the audience were apparently amused by precisely these elements. An absolute no-go!

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Originaltitel Calcinculo
Kinostart 13.02.2022
Berlinale – Sektion Panorama
Länge ca. 90 Minuten
Produktionsland Italien
Genre Drama | Coming of Age
Verleih unbekannt
FSK unbekannt

Regie Chiara Bellosi
Drehbuch Luca De Bei | Maria Teresa Venditti
Produzierende Carlo Cresto-Dina | Giorgio Gasparini | Valeria Jamonte | Manuela Melissano | Katrin Renz
Musik Fabrizio Campanelli | Giuseppe Tranquillino
Kamera Claudio Cofrancesco
Schnitt Carlotta Cristiani

Besetzung Rolle
Gaia Di Pietro Benedetta
Andrea Carpenzano Amanda
Barbara Chichiarelli Anna
Giandomenico Cupaiuolo Marco
Francesca Antonelli Silvana
Alessio Praticò Mario
Paola Tintinelli Alma
Claudia Salerno Claudia
Germana Petavrachi Giada
Rachele Petavrachi Ambra

 

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