Review Fakten + Credits


Review

Marianne Farrère (Isabelle Huppert) führt ein weltbekanntes Kosmetik- sowie Modeunternehmen und gilt als DIE REICHSTE FRAU DER WELT. Sie führt jedoch ein distanziertes Leben, in dem nur ihr Mann Guy (André Marcon), ihre Tochter Frédérique Spielman (Marina Foïs), deren Mann Jean-Marc (Mathieu Demy) sowie Sohn Charles (Paul Beaurepaire) und letztlich ihre Bediensteten unter der Leitung von Jérôme Bonjean (Raphaël Personnaz) Platz haben.

Doch als der queere Fotograf Pierre-Alain Fantin (Laurent Lafitte) in ihr Leben tritt, verändert sich dieses vollständig. Marianne lebt auf, geht unter Leute, lernt Pierre-Alains Lebenspartner Raphaël d’Alloz (Joseph Olivennes) kennen und wird immer gönnerhafter. Das Verprassen des Geldes nimmt immer ungesündere Formen an, sodass Tochter Frédérique den Verdacht hat, das Pierre-Alain ihre Mutter finanziell ausnimmt und überlegt, gegen diesen zu klagen.

Thierry Klifas DIE REICHSTE FRAU DER WELT basiert lose auf dem Leben von Liliane Bettencourt, welche Hauptanteilseignerin von L’Oréal war und bis zu ihrem Tod 2018 als reichste Frau der Welt galt und ist ein weiterer Film über die obersten 1% der Menschheit. Fraglich für das Publikum bleibt nur, ob der Film die reiche Elite wie TRIANGLE OF SADNESS demaskiert, oder ihren Luxus wie die Serie SUCCESSION begehrenswert inszenieren will.

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Das Positionieren der Schachfiguren

Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis die Rezipienten die Charaktere von DIE REICHSTE FRAU DER WELT nach und nach kennen gelernt haben und der Film diese miteinander verbindet. Gerade die Protagonisten Isabelle Huppert und Laurent Lafitte lernen sich zwar schnell kennen, brauchen jedoch vergleichsweise lange, bis sie die Handlungsauslösende Bindung zueinander aufbauen. Bis dahin dreht sich der Film oft im Kreis und unterhält das Publikum mit zumeist politisch inkorrekten Humor, der zeigen soll, dass sich die Upper-Class so ziemlich jede Verfehlung erlauben kann.

Sobald Laurent Lafitte im inneren Kreis von Isabelle Huppert angelangt ist, wird DIE REICHSTE FRAU DER WELT für die Rezipienten interessant. Denn nicht nur, dass dieser heteronormative Dynamiken und die Netiquette der High-Society offen demaskiert, einreißt und kritisiert, der Fotograf scheut sich auch nicht davor, gesellschaftliche Normen zu brechen und Tabuthemen anzusprechen. Besonders, wenn es um die Beteiligung der französischen Upper-Class zur Nazizeit geht.

Denn der queere Künstler und Fotograf wird von DIE REICHSTE FRAU DER WELT geschickt genutzt, um das eigentlich Bekannte aufzuzeigen: Reiche Großunternehmer haben vom dritten Reich profitiert und deren Arbeit ist die Wurzel des Reichtums vieler heutiger europäischer Milliardäre. Dabei fallen auch altbekannte Aussagen, wie „Ich kann nichts gegen Juden haben, in meinem Unternehmen arbeiten Juden!“, welche Marginalisierte aber weiterhin entmenschlichen und diese nur als Statussymbol privilegierter weißer europäischer heterosexueller cis*Menschen dienen lassen.

Ein rechteckiger Esstisch steht mittig in einem elegant eingerichteten Raum auf einem großen Teppich. Drei Personen sitzen beziehungsweise stehen an verschiedenen Seiten des Tisches, der mit Geschirr, Gläsern und Speisen gedeckt ist. Die Wände sind mit zwei großen Gemälden und schweren Vorhängen geschmückt. Im Hintergrund steht eine große Blumenvase auf einem Sideboard zwischen den Fenstern. Die Atmosphäre wirkt formell und ruhig. [erstellt mit KI]

Die reichste Frau der Welt ©2026 Neue Visionen Filmverleih

Wer hoch fliegt, fällt tief

Da die Charaktere von Mathieu Demy und Paul Beaurepaire selbst Juden sind und in der Familie ein antisemitischer Skandal aufkommt, nutzt DIE REICHSTE FRAU DER WELT den Antisemitismus und immer noch internalisierten Judenhass geschickt als Katalysator für das Vorantreiben der Handlung. Denn es ist ein Konflikt, der die seit Jahrzehnten entstandenen Risse im Familienbild stärkt und dafür sorgt, dass Marina Foïs den Mut dazu fasst, für sich einzustehen.

Der letzte Akt der Konfrontation, des Streits und des Machtkampfs ist spannend und stimmig inszeniert, jedoch wird DIE REICHSTE FRAU DER WELT hier auch vorhersehbar. Es werden dramatische Punkte abgeklappert, die für das eingefleischte Publikum schon typisch französisch wirken und dadurch wenig Raum für Überraschung übrig lassen. Und da der Film auch nur lose auf den wahren Geschehnissen beruhen soll, ist fraglich, wieviel von der Darstellung echt und wieviel Dramatik ist.

Alfred kann einpacken

DIE REICHSTE FRAU DER WELT präsentiert ein Schauspiel, welches durch die Bank weg solide ist. Am meisten überzeugt Raphaël Personnaz. Er verkörpert den sehr auffällig sowie luxuriös gekleideten Butler sympathisch und treffend. Der Butler wirkt nicht wie ein Diener, sondern wie ein Familienmitglied und bester Freund. Raphaël Personnaz wächst den Rezipienten ans Herz und sorgt für Verzweiflung bei diesen, wenn er zwischen den Stühlen steht.

Eine Frau mit blonden, schulterlangen Haaren sitzt an einem Schminktisch mit Spiegel und mehreren Flaschen. Sie trägt einen hellen Blazer, eine dunkle Hose und schwarze Absatzschuhe. Im Vordergrund sitzt ein Mann mit dunklem Sakko und Hemd auf einem gemusterten Sofa. Der Raum ist in Blautönen gehalten, mit schweren Vorhängen, einem Stehlampe mit goldenem Schirm und Parkettboden. Tageslicht fällt durch ein Fenster mit halbtransparentem Vorhang. [erstellt mit KI]

Die reichste Frau der Welt ©2026 Neue Visionen Filmverleih

Laurent Lafitte überzeugt zwar auch, aber hat in DIE REICHSTE FRAU DER WELT insgesamt die schlechteste Performance. Seine Darstellung als schmarotzender Fotograf ist zu plakativ für solch eine Art von Drama gespielt. Die Intentionen sind durch Ausdruck und Blick schnell zu erahnen. Dass dies nicht an dem Schauspieler selbst liegt, zeigt seine Rolle als Gérard de Villefort in DER GRAF VON MONTE CHRISTO. In dieser glänzte Laurent Lafitte und konnte die Macht des Charakters stimmig vermitteln.

Eine Tüte Mitleid

DIE REICHSTE FRAU DER WELT zeigt zwar, dass Reiche an sich geizig, egoistisch und deshalb reich sind, sich aber insgeheim nach dem Leben der normalen Menschen sehnen. Einfach zur Dönerbude nebenan, in den Club oder ins Kino gehen ist für Milliardäre nicht so leicht zu realisieren. Doch den Rezipienten fällt Mitleid hier schwer, wenn bedacht wird, wieviel Macht Milliardäre haben und wie diese sie einsetzen. Mit Freunden nicht unentdeckt in der Öffentlichkeit leben ist ein verzeihbarer Verlust verglichen mit dem sorglosen Reichtum und den politische Einflüssen.

Fazit

DIE REICHSTE FRAU DER WELT macht es den Rezipienten nicht leicht. Nach der Sichtung überlegen diese lange über den Film und wissen nicht sofort, wie dieser einzuordnen ist, was aber schon an sich für das Werk von Thierry Klifa spricht. Denn zu viele Filme schicken die Menschen sofort mit einer klaren Meinung nach Hause und laden zu wenig zum Diskutieren ein. Damit allein ist DIE REICHSTE FRAU DER WELT schon eine klare Empfehlung, auch wenn der Film einen Ticken zu lang geht.

 

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Originaltitel La Femme la plus riche du monde
Kinostart 29.10.2025
Länge: 123 minuten
Produktionsland France
Genre: Komödie | Drama
Regie Thierry Klifa
Producer Mathias Rubin | Jacques-Henri Bronckart | Tatjana Kozar
Kamera Hichame Alaouié
Musik Alex Beaupain
Cast Isabelle Huppert, Marina Foïs, Laurent Lafitte, Raphaël Personnaz, André Marcon, Mathieu Demy, Joseph Olivennes, Micha Lescot, Yannick Renier, Patrick Sobelman, Paul Gasnier, Paul Beaurepaire, Anne Brochet, Maxi Delmelle

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