Review
aus dem Programm der 76. Internationalen Filmfestspiele von Berlin
UCHRONIA ist der neue Film des griechischen Regisseurs Fil leropoulus und feierte bei der 76. Berlinale im Jahr 2026 Premiere. Der Film versteht sich als ein Doku-Essay in dem der französische Dichter Arthur Rimbaud (Kristof Lamp) und Louise Michel (Flomaria Papadaki) die Geister von Revolutionären, Kunstschaffenden sowie queeren Aktivisten einladen und sie zu ihren Erfahrungen aber auch Träumen einer Realität sprechen lassen. Es beruht dabei vage auf Arthur Rimbauds „Une saison en enfer“ und präsentiert immer wieder „Was wäre wenn“ Momente.
Queernes in Selbstkritik
UCHRONIA ist, wenn es zu Aussagen queerer Aktivisten geht, äußerst selbstkritisch und warnt davor, dass queere Menschen vor rechter Ideologie und der damit einhergehenden Selbstzerstörung nicht geschützt sind. Alice Weidel, Jens Spahn und früher ein Ernst Röhm sind der beste Beweis, dass vereinzelt queere Menschen in der Hoffnung auf Akzeptanz durch den rechten Mainstream dabei helfen, Queerrechte abzubauen und dabei freiwillig in ihr eigenes Grab marschieren.
Zudem ist es problematisch, dass der ehemalige Riot CSD zu einer Party verkommen ist, in der Menschen fröhlich Fahnen schwingen und sich von Banken und Unternehmen finanzieren lassen, während selbige nicht an Gleichstellung interessiert sind und diese auch nicht vollumfassend erreicht ist. UCHRONIAS Beitrag von der geisterhaften Erscheinung von Marsha P. Johnson (Amani) ist hierbei am stärksten. Denn sie kritisiert die eigene Heldendarstellung, welche aber ihren Tod benötigt und zeigt die Spaltung einer Community, welche nie wirklich verbunden war.
Denn viele cis*Gays ruhen sich auf den Lorbeeren des Erfolgs aus, den Marsha P. Johnson und andere schwarze trans*Frauen hart in Stonewall erkämpft haben und verachten trans*Menschen dabei soweit, dass sie das T aus LGBT am liebsten vernichten wollen. Als Frontliner mögen TIN*Personen dem binären cis*geschlechtlichen queeren Mainstream taugen, aber trans*Rechte sind für zu viele cis*Gays ein Pokerspiel, in der Hoffnung, dass es ja nur die anderen und nicht einen selbst treffe.
![Mehrere Fotografien mit Händen und Gesichtern sind auf einer dunklen Wand angeordnet. Die Bilder sind teilweise überlappend und werden von Lichtstrahlen hervorgehoben. Im Vordergrund liegen ein aufgeschlagenes Buch, ein Telefonhörer und weitere Gegenstände auf einem Tisch. Links unten steht ein alter Röhrenfernseher mit blauem Bildschirm. Im Hintergrund sind Plakate mit klar lesbaren Buchstaben und Symbolen zu erkennen. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/02/202608348_2_ORG-1400x735.webp)
Uchronia © FYTA Films
Vielmehr muss und will man sich als in der Kritik mitgemeinter cis*Gay in seiner liberalen Rolle ausruhen. Diese Menschen reproduzieren dabei gerade in Kunst und Kultur ein Bild von Queernes, welches hauptsächlich den heteronormativen Mainstream und dessen Gaze ansprechen soll, aber nicht die eigene Kultur repräsentiert. Eine weitere Form der Selbstunterdrückung in Hoffnung auf Anerkennung, welche nicht nur von rechts, sondern auch von liberalen Strömungen mehr als nur gefördert wird.
Die pseudoliberale Selbstdarstellung des Westens
UCHRONIA zeigt zudem, dass Europa sich zwar immer so fortschrittlich und liberal gibt, aber der Wert des Menschen immer noch an seiner Arbeit festgemacht wird. Es soll dem Kapitalismus mit Lohnarbeit gefrönt werden, während von nie erreichbaren Reichtum sowie der Lüge der Chancengleichheit geträumt wird. Zudem fühlen sich ach so weltoffene Europäer*innen überlegen gegenüber den USA – immerhin gibt es hier kein ICE – aber zu Frontex mörderischen Methoden oder dem Genozid in Gaza/Palästina wird lieber geschwiegen.
Dass UCHRONIA sich solidarisch mit Palästina zeigt, ist wichtig, aber in der Betrachtung des Kontext auch ein wenig ironisch. Denn der Film wird auf der Berlinale 2026 gezeigt. Derselben Berlinale, in der die Jury mit einer Frage des Journalisten Thilo Jung zum Thema Palästina stümperhaft umgeht und sich der Regisseur Wim Wenders in dem Erguss, dass Film und Politik getrennt werden müssen, verliert. Nicht nur, dass seine bisherigen Werke politisch sind, Kunst ist immer politisch. Selbst das vermeintlich Unpolitische gibt ein Statement ab, da es den bisherigen Status Quo akzeptiert und billigt.
Nett gemeint, aber…
UCHRONIA thematisiert, dass Menschen wie Elon Musk oder Peter Thiel einen technokratischen Feudalismus und Faschismus propagieren, rechte Kräfte massiv erstarken, der Kapitalismus in einer Endzeitstimmung ist, Kriege sowie Genozide allgegenwärtig sind und niemand wirklich gelangweilt ist, obwohl all das Freudenbringende immer langeiligiert wird. Doch der Film erzählt dies selbst immer wieder träge und erinnert vereinzelt eher an ein Kammerspiel eines Berliner Nischentheaters.
![Zerrissene Papierblätter mit handgeschriebenem Text liegen in chaotischer Anordnung. Die Schrift ist dunkel und kontrastreich, einzelne Wörter und Zeilen sind deutlich erkennbar. Warmes Licht fällt auf die Szene und erzeugt starke Schatten. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/02/202608348_3_ORG-1400x740.webp)
Uchronia © FYTA Films
Und wer sich selbst mit der Materie nicht nur oberflächlich durch Information der großen kapitalistisch ausgeprägten Medien informiert, sondern tiefer nachforscht bekommt wenig neues Wissen. Dadurch können nur die herausstechend gut geschauspielerten Darstellungen, wie die von Marsha P. Johnson (Amani), Feminist Theorist Bombshell (Alvina Chamberland) oder Emma Goldmann (Rea Wallden), begeistern, da diese eigenen Charakter bieten.
Fazit
UCHRONIA verfolgt ein ehrenwertes Ziel und will wie ein Weckruf für die Rezipienten sein. Und bei vereinzelten Darstellenden klappt es auch, da ihre Versionen historischer linker sowie queerer Persönlichkeiten genug Charakter sowie Tiefe haben, doch zu oft wirkt das Schauspiel zu zahnlos, zu sehr nach Theater und langweilt die Rezipienten mit einer drögen Erzählweise. Aber gerade, wenn es um Kritik an Superreichen, Kapitalismus sowie rechten Strömungen geht, muss der Finger lauter in die Wunde gelegt werden. Dennoch ist UCHRONIA alleine wegen der Performance von Amani als Marsha P. Johnson und ihrem Gesagten eine Empfehlung.
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| Originaltitel | Uchronia |
| Kinostart | 17.2.2026 |
| Länge: | 97 minuten |
| Produktionsland | Greece |
| Genre: | Dokumentarfilm | Fantasy | Historie |
| Regie | Fil Ieropoulos |
| Executive Producer | Charlie Kaufman | Μαρίνα Δανέζη | Jürgen Brüning | Eva H.D. | Foivos Dousos |
| Producer | Spyros Patsouras | Fil Ieropoulos | Steven Rubinstein Malamud | Sacha Gertsik |
| Kamera | Γιώργος Κουτσαλιάρης |
| Cast | Kristof, Φλομαρία Παπαδάκη, Marlo Mortimer, Macklin Kowal |
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![Szenenbild Uchronia: Eine Person steht an einem Rednerpult, trägt ein transparentes Oberteil und wird von einer starken Lichtquelle beleuchtet. Im Hintergrund ist eine große Projektion mit weißen Buchstaben auf schwarzem Grund zu sehen. Rechts im Bild steht ein Röhrenfernseher, auf dessen Bildschirm ein Gesicht und ein statisches Bild zu erkennen sind. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/02/202608348_1_ORG.webp)

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