Rezension
Das sprachphilosophische Phantasiewort, nach dem Ulrich Köhler sein verklausuliertes Meta-Drama benennt, passt geradezu perfekt – auch wenn wohl nicht ganz so, wie der deutsche Regisseur es sich gedacht haben mag. Der Begriff Gavagai steht Synonym für ein obskures Gedankenexperiment des US-amerikanischen Philosophen Willard Van Orman Quine. Es behauptet, dass eine konkrete Übersetzung von Sprachen unmöglich sei, da Sprache aus Verhaltensmustern entstehe und nicht auf einem übergeordneten Bedeutungssystem basiert. Dazu lieferte Quine ein drolliges Beispiel mit einem Hasen, das Selbstkorrektur und Lernprozesse kategorisch ausschließt.
Noch offenkundiger ist die Vermeidung kritischer Selbstreflexion zugunsten von Selbstdarstellung und Selbstrechtfertigung. Die Handlung um den Dreh einer Arthouse-Adaption von Medea ist inspiriert von Köhlers Dreharbeiten zu SCHLAFKRANKHEIT, der 2011 im Wettbewerb der Berlinale lief. Damals habe er bei den Dreharbeiten die neokolonialistischen Hierarchien und Verhaltensmuster reproduziert, die er in SCHLAFKRANKHEIT kritisiere, äußerte Köhler. Schon die Form dieser scheinbar selbstkritischen Einsicht verrät das Gegenteil. Köhler definiert sich und sein Werk als kolonialismuskritisch und macht darüber einen ganzen Film, der ihn exkulpieren soll und das eingestandene Fehlverhalten kommerzialisiert.
Die vorgebliche Selbstreflexion beginnt bereits unglaubwürdig damit, dass den Part der privilegienverblendeten Regie nun die Regisseurin Caroline (Nathalie Richard) verkörpert. Die peinlich selbstgerechte französische Filmemacherin ist überdeutliches Pendant von Claire Denis, die in ihrem Werk wiederholt (zuletzt in THE FENCE) Kolonialismus auf dem afrikanischen Kontinent thematisierte. Diese dialektische Relativierung des eigenen fragwürdigen Verhaltens durch den Fingerzeig auf andere ist ein Vorbote noch plakativerer Apologetik. Auf der Leinwand hat die Medea-Darstellerin Maja (Maren Eggert) eine heimliche Beziehung mit dem Jason-Darsteller Nourou, dargestellt von Jean-Christophe Folly, der auch in SCHLAFKRANKHEIT eine Hauptrolle spielte.
![Zwei Personen sitzen in einem Kinosaal in der ersten Reihe. Die linke Person trägt ein auffälliges, glänzendes Oberteil und eine große Halskette. Die rechte Person trägt ein schulterfreies Kleid. Im Hintergrund sind weitere Menschen auf roten Kinosesseln zu sehen. Die Beleuchtung ist gedämpft, im hinteren Bereich ist eine Lichtquelle sichtbar. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/04/7_Gavagai_web_RGB_c_PortAuPrincePictures-1400x587.webp)
Gavagai ©2026 Port au Prince Pictures
Das macht die Meta-Ebene des Szenarios unverkennbar, als Nourou zur „Medea“-Premiere auf einem internationalen Berliner Filmfestival (natürlich der Berlinale, die Köhler sich offenbar nicht zu benennen traut) von einem polnischen Sicherheitsmann der Hotel-Lobby verwiesen wird. Eine ähnliche Situation durchlebte Folly im Vorfeld der Berlinale-Premiere von SCHLAFKRANKHEIT. In GAVAGAI tut Maja, was damals angeblich Köhler tat: Sie spielt white savior und inszeniert sich als Kämpferin gegen Rassismus, indem sie auf die Kündigung des Sicherheitsmann besteht. Köhler wiederholt diese Selbstinszenierung auf filmischer Ebene.
Die dramatische Ausstellung der Situation – die erneut eine weibliche Figur als Projektionsfläche einsetzt, zentriert seine vermeintliche Selbsterkenntnis. Die Perspektive Follys, der die ganze unangenehme Erfahrung so wiederholen muss, scheint nachrangig. Das dramaturgisch vorgeblich demaskierte neokolonialistische Machtgefüge wird hinter der Kamera reproduziert. Genau dies geschah laut Köhlers Kommentaren bereits bei Schlafkrankheit. Eine knappe Konfrontation zwischen Nourou und dem trotz seiner Versuche, Maja zu beruhigen, gefeuerten Security Guard deutet vage auf whiteness als kulturgeschichtliches Konzept, doch bricht ab, ohne in die Tiefe zu gehen.
![Eine Person mit weißem Motorradhelm und weißer Kleidung fährt auf einem Motorrad über einen sandigen Untergrund. Auffällig sind zwei große, nach oben gebogene Hörner, die an der Kleidung oder am Helm befestigt sind. Im Hintergrund sind mehrere Menschen und Pferdekarren zu sehen, die sich auf dem Sand bewegen. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/04/6_Gavagai_web_RGB_c_PortAuPrincePictures-1400x787.webp)
Gavagai ©2026 Port au Prince Pictures
Ironischerweise sind diese persönlichen Referenzen der interessanteste Aspekt der unentschlossenen Story, die zu sehr mit ihrer Meta-Ebene beschäftigt ist, um Figuren und Handlung zu entwickeln. Der Plot schwankt zwischen abstrahierender Distanzierung, plakativen Pointen – bei einer Pressekonferenz auf der Quasi-Berlinale erscheint Caroline als wortwörtlicher elephant in the room – und symbolistischer Stilisierung. Insbesondere die weiblichen Figuren bleiben trotz Eggerts und Richards empathischen Spiels nah am Klischee mit ihrer Weinerlichkeit, Liebesbedürftigkeit und humanistischer Heuchelei. Follys Charakter ist darstellerisch und dramaturgisch am komplexesten, doch seine inneren Konflikte werden nie ausreichend ergründet.
Fazit
Die hypothetische Handlung Ulrich Köhlers apologetischer Allegorien erhebt die im theoretischen Titel-Begriff anklingende epistemologische Unsicherheit zum strukturellen Prinzip. Diskriminierung, Rassismus und kolonialistische Machtgefälle erscheinen in diesem Kontext als menschliches Missverständnis, hervorgerufen durch verschiedene Sozialkonzepte und kulturspezifische Referenzen. Das blutige meta-textuelle Finale negiert jede Unterscheidung in Opfer und Täter, und somit auch jede historische Verantwortung und Schuld. Indem das strategische Szenario die eigene ideologische Hinterfragung dramatisch antizipiert und prophylaktisch mit Tokenism pariert, verweigert es sich dialektisch eben jener kritischen Reflexion, die es anzuregen vorgibt.
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| Originaltitel | Gavagai |
| Kinostart | 30.4.2026 |
| Länge: | 91 minuten |
| Produktionsland | Germany |
| Genre: | Drama |
| Regie | Ulrich Köhler |
| Kamera | Patrick Orth |
| Cast | Jean-Christophe Folly, Maren Eggert, Nathalie Richard, Anna Thiandoum, Stacy Thunes, Demet Gül, Homa Faghiri, Darja Mahotkin, Maj-Britt Klenke, Merdan Karatas, Felix Maria Zeppenfeld, Mélanie Fouché |
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