Die diesjährige Berlinale hat ihre Halbzeit überschritten und präsentiert am sechsten Tag erneut einige große Namen auf dem roten Teppich. Doch es gab noch viel mehr zu erleben – hier die wichtigsten Ereignisse im Überblick.

Während Richard Linklater seinen neuen Film BLUE MOON präsentierte und mit seinen Hauptdarsteller*innen Ethan Hawke, Andrew Scott und Margaret Qualley über kreative Prozesse sprach, sorgten Benedict Cumberbatch und Dylan Southern mit THE THING WITH FEATHERS für intensive Diskussionen über die Darstellung von Trauer im Film. Zugleich wurde mit DAS DEUTSCHE VOLK ein Dokumentarfilm über den Anschlag von Hanau vorgestellt. Politische Spannungen innerhalb der Berlinale erhielten zudem neuen Zündstoff durch Äußerungen über eine künftige Kürzung der Festivalfinanzierung durch die CDU. Richard Linklaters BLUE MOON beleuchtet in Echtzeit die Nacht des 31. März 1943 und erzählt die Geschichte des Lyrikers Lorenz Hart, der sich inmitten des Premierenabends des Musicals „Oklahoma!“ mit seiner Zukunft und seiner Vergangenheit auseinandersetzen muss. Auf der Pressekonferenz reflektierten die Stars über die Herausforderungen der Rollen und die Zusammenarbeit.

75. Berlinale Margaret Qualley und Ethan Hawke

© Riecks Filmkritiken & Co.

Ethan Hawke erklärte, wie viel Erfahrung es brauche, eine Rolle mit solch einer Dynamik zum Leben zu erwecken: „Man braucht ein ganzes Leben dazu, um das zu schaffen. Auf so eine Rolle bereitet man sich vor, indem man früher mal Macbeth gespielt hat. Man muss die Worte zum Leben erwecken, die Dynamik schaffen – wann es herzzerreißend, traurig oder sogar albern sein soll. Das dauert Jahre, um das zu meistern.“ Andrew Scott betonte die Bedeutung kreativer Freundschaften, die der Film einfängt: „Wie bringt man all diese Emotionen in einen einzigen Raum? Freundschaft, Liebe, beruflichen Erfolg und Zweifel? Wir haben stundenlang über Choreografie und Emotionen gesprochen.“ Margaret Qualley zeigte sich begeistert über die Zusammenarbeit: „Ich bin mit Filmen von Richard Linklater und Ethan Hawke aufgewachsen. […] Ich habe zugeschaut, gelernt, wir haben uns unterhalten, viel geprobt. Es war eine wunderbare, wunderbare Erfahrung für mich.“ BLUE MOON kommt demnächst durch Sony in die Kinos, einen offiziellen deutschen Kinostart gibt es noch nicht.

In THE THING WITH FEATHERS von Dylan Southern spielt Benedict Cumberbatch einen Vater, der nach dem plötzlichen Tod seiner Frau mit einer mysteriösen, bösartigen Präsenz in seinem Haus konfrontiert wird. Regisseur Dylan Southern erklärte seine Herangehensweise an die Adaption des gleichnamigen Buches von Max Porter: „Ich habe das Buch von Max Porter 2015 schon gelesen, kurz nachdem es erschienen war. Trauer ist das Ding mit Federn hat mich sehr tief bewegt, berührt, weil er diese einzigartige Darstellung für Trauer, für tiefen Kummer gefunden hat. Poetisch, nuanciert, mit vielen verschiedenen Aspekten und Erkenntnissen, die viele, die meisten Menschen durchgemacht haben.“ Benedict Cumberbatch sprach über die psychologischen Tiefen seines Charakters: „Mir gefallen hauptsächlich Dinge, die auch innere Überlegungen, Gedanken zulassen und versuchen, auf die Leinwand zu bringen.“

El mensaje

El mensaje © Iván Fund, Laura Mara Tablón, Gustavo Schiaffino / Rita Cine, Insomnia Films

Neben diesen Filmen sorgte auch das argentinische Drama EL MENSAJE von Iván Fund für Aufmerksamkeit. Der Film erzählt die Geschichte eines Kindes, das durch seine besondere Gabe zum emotionalen Anker für seine zerrüttete Familie wird. Kameramann Gustavo Schiaffino betonte die bewusste Entscheidung für Schwarz-Weiß-Bilder: „Schwarz-Weiß ist vielleicht die bessere Art und Weise zu drehen.“ Schauspieler Marcelo Subiotto sprach über die besondere Dynamik des Films: „Im Schweigen liegt das Geheimnis des Bildes. Ein Kinoschauspielender genießt es außerordentlich, über Blicke und über Schweigen ein Ergebnis zu erreichen. Wenn man das schafft, dann ist das Kino wirklich ein Geschenk.“ Die junge Hauptdarstellerin Anika Bootz sprach über ihre Verbindung zu ihrer Rolle: „Annika ist eigentlich so wie ich im wirklichen Leben. Der Unterschied ist nur, dass sie mit Tieren sprechen kann. Sonst ist sie eigentlich so wie ich.“

Das Deutsche Volk

Das Deutsche Volk © Marcin Wierzchowski

Sie erzählte zudem von einem besonderen Moment am Set: „Meine Zähne sind wirklich während der Dreharbeiten ausgefallen.“ Fünf Jahre nach dem rassistischen Anschlag von Hanau präsentierte die Berlinale den Dokumentarfilm DAS DEUTSCHE VOLK von Marcin Wierzchowski. Der Film zeigt die Perspektiven der Hinterbliebenen und Überlebenden. Die Premiere war von bewegenden Momenten geprägt, als Hinterbliebene auf der Bühne mit langem Applaus begrüßt wurden. Nach den Kontroversen der letzten Tage gerät die 75. Berlinale auch wieder zunehmend in den Fokus politischer Debatten. CDU-Fraktionschef Dirk Stettner kritisierte die politischen Statements auf dem Festival und forderte eine finanzielle Neuausrichtung: „Ich habe die ständigen am Antisemitismus kratzenden bis offen judenfeindlichen Äußerungen gründlich satt“, wie die Boulevardzeitung B.Z. zitiert. Er sprach sich dafür aus, künftige Förderungen zu überdenken.

Claudia Roth, Staatsministerin für Kultur und Medien, verteidigte uns gegenüber die Berlinale und betonte ihre internationale Bedeutung. Demnach ist die Berlinale ein Festival, das die wirklich schwierigen Themen auf der ganzen Welt sozusagen mit einbezieht. Und deswegen ist es sehr, sehr, sehr wichtig für uns, dass wir die Berlinale haben. […] Insgesamt hoffe ich sehr, dass es aufhört, dass man bei Kultur streicht. Denn davon lebt ja auch Berlin. Es ist ja nicht nur, dass es kulturpolitisch von Bedeutung ist, sondern davon profitiert die ganze Stadt, die Gastronomie, die Hotels, die Taxis. Alle profitieren davon. Und das ist also nicht nur für das Ansehen und für die Kultur in unserem Land von großer Bedeutung, sondern ökonomisch auch wichtig.“ Die diesjährige und 75. Berlinale läuft noch bis zum 23. Februar 2025 – wir begleiten sie hier und auf unseren Social-Media-Kanälen.