Review
aus dem Programm der 75. Internationalen Filmfestspiele von Berlin
Als sich die Cousinen Tian Tian (Liu Haocun) und Fang Di (Wen Qi) in GIRLS ON WIRE nach vielen Jahren wiederbegegnen, hat sich ihr Leben von Grund auf verändert: Erstere ist durch die Sucht ihres Vaters ins Visier der Mafia geraten und muss fliehen, zweitere hält sich und ihren Teil der Familie als Stuntdouble über Wasser. Wie Schwestern aufgewachsen, verbindet sie Jahre später am ehesten noch die Vehemenz, mit der sie von Problemen heimgesucht werden. An Konfliktpotential mangelt es ihnen persönlich und auch den dysfunktionalen Familienkonstellationen, aus der sie stammen und welche von ihnen abhängig sind, nicht. Vivian Qus Wettbewerbsbeitrag sucht alte und gegenwärtige Wunden und findet Menschen, die an Drähten hängen, ohne Chance auf Entkommen.
Die sichtbaren und unsichtbaren Seile, die die Figuren mal fester, mal lockerer umschlingen sind sowohl familiären, ökonomischen, als auch gesellschaftlichen Ursprungs und in der ausgeblätterten Geschichte äußert widerstandsfähig. Selbst die Flucht aus der Heimat in eine andere Stadt, ins Getriebe von Filmstudios und chinesischen Traumfabriken, bietet keinen zuverlässigen Ausweg, sondern nur Aufschübe. Aufschübe, die sich im Wiedersehen der beiden Cousinen und ihrer wechselhaften, stockenden Dynamik zu mannigfaltigen Problemen potenzieren, die das konfuse Thrillergerüst nicht tragen kann.
Wire und Wirren
Bruchstückhaft bewegt sich die unentschlossene Handlung nicht nur zwischen Familiendrama und Mafiathriller, sondern zudem zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Statt die Themen und Emotionen dieser aber wirksam ineinanderfließen zu lassen, zeichnen Flashbacks in erster Linie hysterische Abrisse der Vergangenheit, in denen Schlüsselstationen oberflächliche Andeutungen bleiben. An die gegenwärtigen Fährten der ungleichen Cousinen heften sich indes die Schergen der Mafia, die neben aller Bedrohlichkeit und Härte eigenwilligen Comedy-Charakter ausstrahlen. Wenn sie auf der Suche nach Tian Tian und Fang Di an ein belebtes Filmset stoßen und kurzerhand zu unbeabsichtigten Komparsen werden, erweist sich der laue Genremix an der Grenze zum Slap-Stick eher holprig als schlüssig.
So leichtfüßig und energetisch wie Fang Di, die beim zermürbend eingefangenen Dreh einer Filmszene aus dem eiskalten Wasser eines Flusses stößt, fügen sich die Erzählbausteine in GIRL ON WIRE nie zusammen. Dafür fehlt es auch den Bildern an einer eingängigen Struktur, die sich, wenn sie sich an etwas orientieren, am ehesten den aufgewühlten Gemütszuständen ihrer Protagonistinnen angleichen. Wackelige Einstellungen verschleiern den ein oder anderen Gewaltakt und letztendlich den tragischen Höhepunkt des Films. Dieser verfließt im Strom aus Geheimnissen und Lügen, unaufgelöster Schuldfragen und Schockstarren, Vergangenheit und Gegenwart, – einem unschlüssigen und löchrigen Genrestreifen.
Fazit
Statt sich mit aller Kraft zu entladen, fügen sich die unterschiedlichen Perspektiven und Konflikte Vivian Qus GIRLS ON WIRE zu einem sowohl inhaltlich als auch tonal fragmentarischen Werk zusammen, das sein psychologisches und historisches Potential kaum nutzt. Zurückbleibt schroffes, konfuses Kino.
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Originaltitel | 想飞的女孩 |
Kinostart | 8.3.2025 |
Länge: | 115 minuten |
Produktionsland | China |
Genre: | Drama |
Regie | Vivian Qu |
Producer | Mike Downey | Hong Qin | Xu Jiahan |
Musik | Wen Zi |
Cast | 劉浩存, 文淇, Zhang Youhao, 刘奕铁, 彭静, Jian Kang, 杨皓宇, 周遊, 耿乐, Liu Yuanyuan, 赵润南 |
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