Review Fakten + Credits


Rezension

aus dem Programm der 76. Internationalen Filmfestspiele von Berlin

Warum bringst du uns hier her?, fragt eine Stimme zu Beginn hinter der Kamera hervor. Damit ihr ein bisschen von dem seht, was es bedeutet, ein junger queerer Rancher zu sein, lautet die Antwort des junges Mannes vor der Kamera und ist der Leitfaden von Rebecca Zweigs und Efraín Mojicas im Berlinale Panorama gezeigten Dokumentarfilm JARIPEO. Dieser widmet sich nicht nur einer, sondern gleich drei Perspektiven auf das jährlich stattfindende Rodeo: der des in Mexiko und in den USA aufgewachsenen Efraín, der des machohaften, nur gegenüber wenigen Leuten geouteten Cowboys Neo und der des extravaganten Josephs. Am Rande des Rodeos erkundet der Film drei unterschiedliche Leben und mit ihnen die queere Subkultur im mexikanischen Penjamillo.

Jene macht JARIPEO innerhalb der hypermaskulinen Welt nicht nur sichtbar, er nimmt sich auch Teile ihrer vielfältigen Identität an, – erzählerisch und formal. Aufnahmen robuster Rodeoszenen und zur Schau getragener Machismus mischen sich mit sensiblen Einsichten und Aufnahmen körperlicher Nähe; traumartige, sehnsuchtsvolle Sequenzen durchbrechen die dokumentarischen Alltagsaufnahmen.

Ein Mensch mit Helm und Schutzkleidung sitzt auf einem Tier, das sich in Bewegung befindet. Die Szene ist dynamisch und unscharf, was auf schnelle Bewegung hindeutet. Im Hintergrund sind zahlreiche Personen und bunte Elemente zu erkennen, die eine lebhafte Atmosphäre erzeugen. [erstellt mit KI]

Jaripeo ©Berlinale

Beides produziert persönliche Einblicke in eine Welt, die auf starren Traditionen und patriarchalen Erwartungsmustern fußt, in der die Protagonist*innen ihren Platz aber längst gefunden und gefestigt haben. In und neben der Arena, die sich immer wieder als ambivalenter Ort und Gegenstand erweist, als Zurschaustellung martialischer Stärke, als munteres Volksfest, als Zirkuszelt, in dem Männern ihre Rolle beigebracht wird. Als Ort, an dem der Film männliche* Rollenbilder neu erkundet, als Hort einprägsamer Erinnerungen und mit großen Boxen auch als staubaufwirbelnde Partystätte.

Jeder veralteten Vorstellung von Männlichkeit, jeder straighten Stagnation setzt JARIPEO ein empathisches Porträt eines Mannes, ein nicht mehr zu unterdrückendes Begehren, zur Not einen rosa-glitzernden Cowboyanzug entgegen. Und nicht zu vergessen queere Lebensfreude, die sich im Auftreten und auch in den Ansichten der drei vielfältigen Persönlichkeiten voneinander unterscheidet und ein subjektives, längst nicht vollständiges Dokument einer Subkultur liefert.

Eine Person mit Hut steht inmitten hoher Maispflanzen bei Dämmerung. Das Gesicht und der Oberkörper sind von schwachem Licht beleuchtet, während die Umgebung dunkel bleibt. Im Hintergrund ist ein schmaler Streifen des Abendhimmels mit orangefarbenem Licht zu sehen. [erstellt mit KI]

Jaripeo ©Berlinale

Noch bevor die Arena zur Tanzfläche wird, glüht ein Maisfeld und seine Protagonist*innen darin in pulsierendem Rot, flimmern Super-8-Aufnahmen über die Leinwand, tanzt man unterm Sternenhimmel Rodeo. Ein sphärischer, wandelbarer Score von Emilia Ezeta und Marton Radics knüpft mühelos an die Bilder von Mojica, Josue Eber Morales und Gerardo Guerra V. an und hinterlässt einen mindestens so prägenden Eindruck wie das surreale Aufbrechen einer sonst eher durch seine schnörkellose Archaik bekannten Welt.

Bevor eines von beidem die Überhand gewinnt, erden Zweig und Mojica ihre Doku immer wieder mit einem Blick von einem Hügel herab. Oder auch mit unaufdringlichen Gesprächen und jener Ungezwungenheit, mit der JARIPEO zwar keine allumfänglichen Einblicke in die Welt seiner Protagonist*innen zeigt, aber ein (buntes) Bisschen ihrer Realität.

Fazit 

Alles andere als staubtrocken ist Rebecca Zweigs und Efraín Mojicas Dokumentation über queeres Selbstverständnis im Schatten maskuliner Traditionen. Stattdessen erzählt sie – trotz rauer Rodeoszenen – mit viel Einfühlungsvermögen, kurzweilig und subjektiv vom Leben ihrer Figuren: Eine Cowboy-Doku, in der zwischen aufstäubenden Sand auch allerhand Glitzer wirbelt.
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Review Fakten + Credits


Originaltitel Jaripeo
Kinostart 25.1.2026
Länge: 71 minuten
Produktionsland Mexico
Genre: Dokumentarfilm
Regie Rebecca Zweig | Efraín Mojica
Executive Producer Carrie Lozano | Lizzie Gillett | Ian Bonhôte
Producer Gerardo Guerra | Sarah Strunin | Carine Chichkowsky | Juan Pablo González | Efraín Mojica | Rebecca Zweig
Kamera Josue Eber Morales | Gerardo Guerra
Musik Emilia Ezeta | Marton Radics
Cast Efraín Mojica

 


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