Rezension
aus dem Programm der 76. Internationalen Filmfestspiele von Berlin
Wie ein blinder Passagier auf einem Raumschiff schleicht die junge Hauptfigur (Bastian Escobar) in MOSCAS nicht nur durch das nahegelegene Krankenhaus, in dem seine Mutter versorgt wird, sondern auch durch die Dunkelheit der fremden Wohnung, in der er und sein Vater (Hugo Ramírez) vorübergehend unterkommen. Es ist die Wohnung von Olga (Teresita Sánchez), einer Frau, die seit langer Zeit allein lebt und aus einer finanziellen Notlage heraus, ein Zimmer untervermietet. Unwissend, dass der unscheinbare Mann, der ihrem Angebot nachkommt, einen jungen Sohn bei sich hat.
In unaufgeregtem Schwarzweiß und eng an seinen neorealistischen Vorbildern entwickelt Fernando Eimbcke eine konventionelle, aber eingehende Geschichte um das Aufeinandertreffen ungleicher Figuren und die Verarbeitung von Verlusterfahrungen. Wie im ersten Drittel mit seinem Filmvater entfaltet sich der junge Bastian Escobar auch im Zusammenspiel mit der erfahrenen Teresita Sánchez dabei als lebendiger Spielgefährte, dessen aufgeweckte und natürliche Spielart jede Interaktion zwischen den Figuren trägt.
Moscas (Fliegen) fangen und Invasoren bekämpfen
Ihre authentische Dynamik ist der Kern einer Geschichte, die sonst kaum hervorsticht oder erzählerische wie inszenatorische Wagnisse eingeht. Viel eher nimmt sich Eimbcke der Perspektive seiner jungen Hauptfigur an und spürt mit ihm und einem dokumentarischen Auge Orte auf, die Mexiko-Stadt in einem Moment riesengroß, im anderen ganz klein erscheinen lassen. Wiederkehrende Orte, Olgas Wohnung, der Einlass des Krankenhauses, an dem Cristian verzweifelt versucht, das Zimmer seiner Mutter zu erfahren, ein Baum am Straßenrand schaffen einen stimmigen, dicht belebten Mikrokosmos.

Bild von der Premiere von „Moscas“ ©2026 Berlinale
Durch jenen ziehen sich unaufdringliche Weltraum-Motive, die die Gedanken des jungen Protagonisten aufgreifen, seine Persönlichkeit festigen. Am deutlichsten in Gestalt eines häufig, fast zu häufig, in Szene gesetzten Spielautomaten und der Space Invaders-Reinkarnation Cosmic Defenders Pro. Das Spiel wird nicht nur zum Bindeglied zwischen einzelnen Figuren, sondern auch zwischen Erzählung und Stilistik, wo es Einfluss auf visuelle Ideen und die Musik des Films hat. Bis auf den Soundtrack des Spiels hält sich letztere bewusst zurück, lässt die meisten Szenen unverstellt wirken.
Komplexere, unbequeme Themen wie soziale Missstände, die Krankheit der Mutter, die unaufgearbeiteten Verluste, breitet MOSCAS selten aus, reduziert sie auf wagnislose Andeutungen. Ebenso vermeidet er große sentimentale Entwicklungen und entgeht damit einer austauschbaren Kind-trifft-grimmigen-Rentner-Geschichte. Und einem Happyend, das den authentischen, melancholischen Bildern des Films nicht gerecht geworden wäre. Das jetzige, keine fröhliche Zusammenkunft, (ein Abschied?), ist bemerkenswert still und in seiner Beiläufigkeit wirklich berührend.
Fazit
MOSCAS ist ein klar erzähltes, risikolos konzipiertes Drama, das trotz seiner wiederkehrenden Affinität für den Weltraum durchweg geerdet bleibt. Das glaubhafte Ensemble, allen voran ein lebhafter Bastian Escobar und die gelungenen Aufnahmen sind eindringliche Facetten eines Films, dem an manchen unbequemen Stellen ein wenig der Mut fehlt.
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| Originaltitel | Moscas |
| Kinostart | 18.2.2026 |
| Länge: | 99 minuten |
| Produktionsland | Mexico |
| Genre: | Drama | Komödie |
| Regie | Fernando Eimbcke |
| Producer | Michel Franco | Fernando Eimbcke | Erendira Nuñez Larios |
| Cast | Teresa Sánchez, Bastián Escobar, Hugo Ramirez, Enrique Arreola |
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