Rezension
aus dem Programm der 76. Internationalen Filmfestspiele von Berlin
Eine Radioaufführung von Dracula wird zum Sinnbild des unterdrückten Verlangens, des heimlichen Begehrens, das die meisten der Figuren im Paraquay der 1950er Jahre nur im Verborgenen ausleben können. Wie der junge Sänger Narciso (Diro Romero), dessen Name zwar im Titel des Films steht, der aber nicht der einzige Mann bleibt, um dessen gegenwärtiges (Liebes-)Leben sich Marcelo Martinessis zweiter Spielfilm dreht. Mindestens genauso oft eine Rolle, wenn nicht sogar ein wenig mehr, spielt der Chef des Radiosenders Luis Bermudez (Manuel Cuenca). Und am Rande auch die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen Paraguays, in dem die Diktatur unter Alfredo Stroessner Matiauda ihr Ausmaß zu zeigen beginnt.
Basierend auf das Leben des 1959 ermordeten Bernardo Aranda etabliert der Film seine Hauptfigur als jungen Mann, der den Rock’nRoll in die eingestaubten Radioprogramme und Musikhallen bringen möchte. Der energiegeladene, rebellische Charakter der Musik wird sowohl inhaltlich als auch konzeptionell zur kontrastierenden Bewegungsform der diktatorischen Mechanismen und Zwänge. Sie ist aber auch eine der wenigen Zugangsmöglichkeiten zu der von Romero charismatisch gespielten Hauptfigur, zu der der Film selten Nähe schafft, über die wenige Details sicht- oder gar spürbar werden.
![Mehrere Personen stehen eng beieinander unter einem großen, zentral hängenden Mikrofon. Sie tragen formelle oder halbformelle Kleidung, darunter ein gemustertes Kleid, ein Hemd und ein Sakko mit Fliege. Im Hintergrund ist ein schwerer, dunkelroter Vorhang zu sehen, durch den ein Lichtstrahl auf die Gruppe fällt. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/02/202614171_3-1400x587.webp)
Narciso © 2026 La Babosa Cine
Größere Aufmerksamkeit wird dem Chef des Radiosenders zuteil, der in einen Konflikt zwischen der nach strengem Anstand und Tradition verlangenden Gegenwart und der verführerischen Rebellion des jungen Narcisos gerät. Ihre Dynamik beginnt als klassisches Newcomer-Manager-Duo und wird immer weiter von lang aufgestauten Emotionen unterfüttert. Wo Narciso häufig, auch gegenüber dem jungen, amerikanischen Botschafter Ian Wesson (Nahuel Pérez Biscayart) eine Symbolfigur bleibt, versucht der Film sich der Entwicklung seiner zweiten Hauptfigur und ihrem emotionalem Ausnahmezustand gewissenhafter anzunähern.
Von der anfänglichen Underdog-Geschichte und der Gegenzeichnung von akzeptierter und verschwiegener Homosexualität versucht NARCISO seinen Blick schließlich zu weiten. In historischen Umrissen blickt er auf die politischen Entwicklungen, die Festigung homofeindlicher Moralvorstellungen sowie die folgenschwere Instrumentalisierung der bereits in den ersten Minuten vorweggenommenen Ermordung, entwickelt aber kaum eine reich- oder nachhaltige Aufarbeitung. Der Druck innerhalb der klassischen Dramaturgie wird zwar größer, die vertraute Struktur hingegen nie aufgebrochen.
Fazit
Hinter den Kulissen des Radiosenders stöbert NARCISO öfter als im Innenleben des titelgebenden Protagonisten. Dessen letzten Monate inszeniert Marcelo Martinessi als aufgewühltes, historisch aber nur skizzenhaftes Drama.
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| Originaltitel | Narciso |
| Kinostart | 17.2.2026 |
| Länge: | 101 minuten |
| Produktionsland | Paraguay |
| Genre: | Drama | Mystery | Krimi | Thriller |
| Regie | Marcelo Martinessi |
| Producer | Marcelo Martinessi | Sebastián Peña Escobar |
| Kamera | Luis Armando Arteaga |
| Cast | Diro Romero, Manuel Cuenca, Margarita Irún, Arturo Fleitas, Nahuel Pérez Biscayart, Mona Martínez, Aníbal Ortíz, Natalia Cálcena, Belén Vierci, Alberto Sánchez, Liz Fernández Casabianca, Florencia Boccia, Macarena Candia, Cecilia Torres |
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![Szenenbild aus dem Film Narciso: Eine Person mit dunklem, zurückgekämmtem Haar trägt ein kurzärmeliges, helles Hemd und eine braune Hose. Sie steht zwischen zwei schweren, roten Vorhängen und hält einen der Vorhänge leicht geöffnet. Das Licht ist warm und gedämpft, wodurch eine intime Atmosphäre entsteht. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/02/©-La-Babosa-Cine-202614171_1.webp)

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