Rezension
aus dem Programm der 76. Internationalen Filmfestspiele von Berlin
Voller Vorfreude ziehen Saga (Seidi Haarla) und John (Rupert Grint) in ein Haus in den finnischen Wäldern, mit dem Saga noch immer warme Kindheitserinnerungen verbindet. Und doch wirkt es wie der Prototyp eines Horrorfilm-Hauses: weit abgelegen im Wald, vollgestellt mit alten Möbeln, verknüpft mit familiären Geheimnissen. In Hanna Bergholms NIGHTBORN liegt das Zwielichtige jedoch nicht von Anfang an in den Häuserwänden verborgen, sondern erhält erst mit dem ersten Kind des Paares Einzug.
Jeden vorstellbaren romantisierten Gedanke an die Geburt eines Kindes und die ersten Wochen nach der Geburt kehrt NIGHTBORN ohne zu zögern unter einen der miefigen Teppiche, die Saga und John ausgelegt haben. Von Beginn ist die Dynamik zwischen den jungen Eltern und ihrem frischgeborenen Sohn von anhaltendem Schreien, schlaflosen Nächten, schmerzhaft scheiternden Stillversuchen geprägt. Und vom heimlichen Blutdurst des Jüngsten, wie Saga als erste und einzige erkennt.
No Quiet Place
Was sich daraus entwickelt, ist ein düster-trashiges Kleinfamiliendrama, in dem sich angekratzte Beziehungen, sei es zwischen Mutter und Kind, zwischen beiden Elternteilen oder zwischen menschlicher und animalischer Natur bis zur absehbaren Eskalation am Schluss hochschaukeln. Finnische Folkloreelemente, die Bergholm (HATCHING) nur oberflächlich einbindet, beschwören den Wald als wandelbare Nebenfigur, bis dieser wortwörtlich in die Welt des mit dem auffälligen Verhalten ihres Babys vor allem aber mit sich selbst kämpfenden Paares eindringt.
Seidi Haarla (ABTEIL NR. 6) und Rupert Grint (KNOCK AT THE CABIN) machen es ihrem filmischen Nachwuchs ab einem gewissen Zeitpunkt nach und schreien sich die Seele aus dem Leib. Eindringlicher wird Bergholms zwischen einem Figurendrama ohne leise Zwischentöne, trashig-schrägen Überzeichnungen und aufdringlichen Horrorallegorien tappender Wettbewerbsbeitrag dadurch nicht.
Erst letztes Jahr stand mit MOTHERS BABY eine ähnliche Geschichte im Berlinale Wettbewerb, die die Ängste einer Mutter, die ihr Kind nach der Geburt nicht wiederzuerkennen glaubt, jedoch sehr viel subtiler und konzentrierter formte. Nun könnte NIGHTBORN eine weitere mögliche Verarbeitung und Visualisierung postpartaler Depression sein, – oder aber auch etwas ganz anderes.
Ein ungewöhnlicher Weg zur Selbstakzeptanz in kaum ungewöhnlichen Bildern; eine Kanalisierung jeglicher Art von Mutter- und Familiengefühlen; ein Einlassen auf und Akzeptieren von naturgegebener Andersartigkeit. Abseits seines Horrors birgt NIGHTBORN jedenfalls auch eine zweite, friedlichere, wenn auch nicht weniger animalische Seite – die ausführlicher zu entdecken fast noch reizvoller gewesen wäre.
Fazit
Die dichte Behaarung und das stets im Dunkeln lauernde Gesicht eines Babys sind Vorzeichen der düsteren Facetten, die Hanna Bergholms zweiter Spielfilm NIGHTBORN zu bieten hat. Zwischen eher unterentwickelter Folklore und Settings, blutbesudelten Gruseleinlagen und zwei exzessiven Performances sucht der Familienhorror etwas ratlos nach einer eigenen Stimmkraft.
Wie hat Dir Nightborn gefallen?
| Originaltitel | Yön lapsi |
| Kinostart | 6.11.2026 |
| Länge: | 92 minuten |
| Produktionsland | Finland |
| Genre: | Horror |
| Regie | Hanna Bergholm |
| Executive Producer | David Levine | Nick Shumaker |
| Producer | Alain de la Mata | Arturas Dvinelis | Christopher Granier-Deferre | Daniel Kuitunen | Noémie Devide |
| Kamera | Pietari Peltola |
| Musik | Eicca Toppinen |
| Cast | Rupert Grint, Seidi Haarla, Pamela Tola, Pirkko Saisio, Rebecca Lacey, John Thomson |
Wie hat Dir Nightborn gefallen?
![Szenenbild des Films "Nightborn": Ein Raum mit dunklen Wänden und einem weißen Kachelofen im Hintergrund. Im Vordergrund steht ein weißes Gitterbett, an dem eine Person mit langen, zerzausten Haaren festhält. Daneben steht eine weitere Person in kariertem Hemd und dunkler Hose. Im Hintergrund sind ein Puppenhaus und weitere Möbelstücke zu sehen. Die Beleuchtung ist gedämpft. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/02/Nightborn-©-Pietari-Peltola.webp)

Hinterlasse einen Kommentar