Rezension
aus dem Programm der 76. Internationalen Filmfestspiele von Berlin
Flüstert der junge Tutu (Efraim Santos) in ein loses Abwasserrohr seines Zuhauses, antwortet ihm ein dumpfes Rumoren aus dem Inneren. Antworten und Zeichen vom Dachboden jenes Hauses, das in Grace Passôs Spielfilmdebüt OUR SECRET eine ungeheuer wichtige Rolle einnimmt. Es interagiert mit den Figuren, birgt die Erinnerungen und Ängste nicht nur, bündelt sie auch und macht allem voran dem Jüngsten das Unausgesprochenes, das Unsichtbare sichtbar.
Ein noch nicht lang zurückliegender Verlust beschäftigt ihn und seine Familie, dessen Umstände vage bleiben, dessen Auswirkungen allgegenwärtig sind. Geduldig streift Grace Passô durch das Haus, das in der brasilianischen Millionenmetropole Belo Horizonte liegt, aber Schauplatz einer wesentlich kleineren, intimeren Geschichte wird. Sie erkundet die darin lebenden Familienmitglieder, die nach ihrem eigenen Weg suchen, mit der Trauer umzugehen und doch kollektiv trauern. Ein feiner, generationenübergreifender Balanceakt.
![Ein Kind mit lockigem, blondem Haar steht in einem Zimmer vor einem Fenster mit gelbem Vorhang. Das Kind trägt ein graues T-Shirt und rote Shorts. Eine weitere Person sitzt im Halbdunkel auf einem Bett oder Stuhl. Das Licht fällt von hinten durch den Vorhang und taucht die Szene in warmes, goldenes Licht. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/02/©-entrefilms-Wilssa-Esser-1400x581.webp)
© entrefilms / Wilssa Esser
Gilson (Robert Frank), der älteste Sohn und Taxifahrer, der äußerlich kaum mitgenommen wirkt, innerlich hingegen umso mehr unter Druck steht; Guto (Flip), sein jüngerer Bruder, der nach Halt und vor allem immer das Weite sucht; Grazia (Jessica Gaspar), die sich abschottet, die ihre Zuflucht in der Musik findet; die Mutter, die immer wieder ruhige Stärke beweist; jedes Familienmitglied, das sich nach Sehen und Gesehen-werden sehnt – sie alle bilden ein einnehmendes und, noch wichtiger, eindringlich gespieltes Figurenensemble.
Aus diesem sticht Tutu nicht nur wegen seines jungen Alters heraus, sondern auch, weil seine Figur zu einer zentralen Kraft des Films wird. Von den Erwachsenen behütet, unterschätzt, ist er das Bindeglied zwischen einzelnen Familienmitgliedern, erlebt mit beinah jeder und jedem Einzelnen einen kleinen Schlüsselmoment. Empathisch beobachtet OUR SECRET die Interaktionen der Figuren und nimmt seine Inszenierung, seine Musik, mit Ausnahme eines anhänglichen Klavierthemas, bewusst zurück.

Cast und Crew von „Our Secret“ © Dirk Michael Deckbar / Berlinale 2026
Erst zurückhaltend dann immer deutlicher werden Verarbeitungsprozesse angestoßen, die sich so unterschiedlich zeigen wie die Figuren selbst, – in beiläufigen Gesprächen, in einschnürenden Alpträumen, kleinen Gesten, wortlosen, fast minutenlangen Umarmungen. Aber häufig in den dunklen Zimmern des Hauses, wo sich vielschichtige Gefühle mit leiser Kraft verdichten. Und das Haus selbst?
Es scheint nie mit dem Flüstern aufzuhören, das titelgebende Geheimnis nicht für ewig verstecken zu können. Die letzte halbe Stunde findet einen fesselnden Schluss- und Höhepunkt, ohne melodramatischen Mustern zu erliegen. Und sie verdeutlicht, dass die Wurzeln des emotionales Zusammenhaltes noch sehr viel tiefer liegen, als in dem Verlust eines geliebten Menschen selbst. OUR SECRET endet als eingehender Akt Schwarzer Gemeinschaft, Schwarzen Widerstands. Nicht umsonst widmete Grace Passôs den Film nicht nur ihrer Familie, sondern auch ihren Leuten.
Fazit
Wie die einnehmende Kamera durch das Haus gleitet OUR SECRET zwischen den trauernden Familienmitgliedern auf und ab. Starke Performances, eine einfühlsame Ruhe und metaphysische Motive formen ein handwerklich wie inhaltlich kraftvolles, persönliches Spielfilmdebüt.
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| Originaltitel | Nosso segredo |
| Kinostart | 14.2.2026 |
| Länge: | 108 minuten |
| Produktionsland | Brazil |
| Genre: | Drama | Fantasy |
| Regie | Grace Passô |
| Cast | Ju Colombo, Robert Frank, Marisa Revert, Jessica Gaspar, Efraim Santos, Flip, Juan Queiroz, Gláucia Vandeveld, Matheus Aleluia, Tássia Reis |
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