Rezension
Ein kraftvoll vorgetragener Malambo ebnet einen tänzerischen Zugang in die traditionsbewusste, harsche Welt, in der es den junge Milo (Milo Barria) in THE RIVER TRAIN nicht mehr länger hält. Auch wenn er keine Schwäche, im Gegenteil ausdrücklich Kraft und Ausdauer zeigt, wenn er den argentinischen Volkstanz vor Publikum, insbesondere seinem strengsten Kritiker, dem eigenem Vater, energisch performt. Noch viel mehr als nach dem Tanzen sehnt sich Milo jedoch nach einer Reise mit dem Zug, einer Flucht aus seinem abgelegenen Heimatdorf; der entschleunigte Film sich nach den leisen, entdeckungsfreudigen und unterdrückten sensiblen Seiten seines Protagonisten.
Im Gegenteil zur energiegeladenen Trittkraft des Malambo entfaltet sich Lorenzo Ferros und Lucas A. Vignales Debütfilm deutlich ruhiger, empfindlicher, aber deshalb nicht weniger fesselnd. Während der Junge mit dem Zug das Weite sucht, bleibt die Kamera nah bei ihrer Hauptfigur und folgt ihr aufmerksam in eine Welt eigenwilliger Figuren, schleichender Einsamkeit und märchenhafter Motiven.
![Vier Personen sitzen nebeneinander auf roten Kunststoffstühlen vor einer weiß gefliesten Wand. Sie tragen dunkle, traditionelle Kleidung mit weiten Röcken oder Hosen, weißen Halstüchern und breiten, flachen Hüten. Die Hände liegen auf dem Schoß, die Beine sind geschlossen. Die Schuhe sind ebenfalls dunkel und glänzend. Über den Personen verläuft eine Holzleiste an der Wand. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/02/202602169_2-1241x933.webp)
The River Train © Cinco Rayos
Kaum hat Milo sein Heimatdorf und seine Familie im Dornröschenschlaf zurückgelassen, entwickelt sich eine Geschichte, in der Fabelwesen zwar nie eine Rolle spielen, durch die aber immer wieder magisch-realistische Elemente ziehen. Figuren, die dem Frühwerk Wes Andersons entstammen könnten, eine kindliche, unstillbare Neugier und ein schönes musikalisches Leitmotiv vermischen sich zu einer persönlichen Suche nach Nähe, Aufmerksamkeit, Emotionen.
Guten und schlechten, mit denen THE RIVER TRAIN in seinen farbkräftigen Bildern immer wieder jongliert, eine gewisse Traurigkeit aber nie ablegt. Genauso wenig wie seine unterschwellige Spannung, die noch leiser brodelt als das Wasser im Suppentopf oder das heranrollende Gewitter, aber laut genug, um Figuren und Publikum aufzuwühlen.
Eigenwillige Close-ups
Milo Barria trägt die kleine unscheinbare Reise mit grimmigen und gelösten Blicken, tänzerischer Energie und vor allem mit ganz wenigen Worten. Passend für eine Figur und einen Film, die beide nach einer eigenen Stimme zu suchen scheinen. Milos Neugier, seine Begegnung mit Einsamkeit und Gewalt, seine Ausgrenzungs- und andere Erfahrungen macht das nicht weniger wirkungsvoll.
![Eine Person in einem schwarzen Kleid mit orangefarbenem Gürtel steht in einem Raum mit roten Wänden. Gegenüber steht ein Kind mit goldener Maske und bunter Kleidung. Beide Personen stehen sich frontal gegenüber. Der Raum ist spärlich beleuchtet und wirkt leer, bis auf eine sichtbare Steckdose an der Wand. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/02/202602169_4-1248x933.webp)
The River Train © Cinco Rayos
Über ihr Filmemachen selbst schreiben die jungen Filmschaffenden, es wäre eine Art zu gehen, ohne zu wissen, ob der Weg überhaupt existiert. Ein unvollständiges Filmemachen, ein Lückenzulassen, erzählerische schwarze Flecken in einem sonst sehr bunten Bilderbogen. Stellen in THE RIVER TRAIN, die die Figuren und ihre Gefühle mal zu füllen, und mal nicht zu füllen wissen, – weil sich das Regieduo einer klassischen Heldenreise und zu vielen Antworten verwehrt, auch den melancholischen Schluss bewusst offen lässt.
Fazit
In einer kräftigen Farbpalette verblasst die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit bemerkenswert beiläufig; irrt ein junger Protagonist umher, ohne je irgendwo anzukommen; entsteht ein mäandernder, eigenwilliger Film. Ein elegisches Erstlingswerk, das kein Wort zu viel verliert.
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| Originaltitel | El Tren Fluvial |
| Kinostart | 16.2.2026 |
| Länge: | 75 minuten |
| Produktionsland | Argentina |
| Genre: | Drama | Fantasy |
| Regie | Lorenzo Ferro | Lucas A. Vignale |
| Producer | Tomás Grandio | Valentine Torre | Casiana Vera |
| Kamera | Thomas Costa Grinberg |
| Cast | Milo Barria, Rita Pauls, Mariano Barria, Lucrecia Pazos, Mailen Barria, Diego Puente, Pehuén Pedie, Fabián Casas |
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