Review
aus dem Programm der 75. Internationalen Filmfestspiele von Berlin
Trauer- und Verlusterfahrungen haben in Filmen, insbesondere im Horrorkino, schon allerhand verschiedene, märchenhafte wie zerstörerische Gestalten angenommen. In Dylan Southerns Spielfilmdebüt, basierend auf den Roman Grief Is The Thing With Feathers, kommen sie als mannsgroße Krähe (Stimme: David Thewlis) zur Geltung. Zumindest ist sie es, die den Witwer, gespielt von Benedict Cumberbatch, und die beiden jungen Söhne (Richard und Henry Boxall) nach dem plötzlichen Tod der Mutter einholt, bald als ständiger Begleiter in ihren Zimmern und Gedanken hockt und sie zu einer Auseinandersetzung mit dem schmerzlichen Verlust zwingt.
Mehr als Schraffuren, wie Cumberbatchs aufgeschmissene Vaterfigur sie immer wieder zu Papier bringt, kann die Romanverfilmung von dem Innenleben der Figuren und deren Trauerverarbeitung jedoch nicht anfertigen. Ganz gleich, wie sehr sich ein engagierter Cumberbatch am Rand des Overacten über die Gefühle des zerstreuten Protagonisten stürzt. Horrorelemente setzen dessen spiralförmigen Gedanken düster in Szene, ohne sich von vertrauten, allen voran effekthascherischen Grundzügen lösen zu können. Statt unheimlich oder tiefsinnig wirken die Metaphern und Annäherungen an die Figuren im Laufe der Spielzeit deutlich repetitiv.

The Thing with Feathers © Anthony Dickenson – The Thing with Feathers Ltd
Cumberbatch’s Crow
In mehreren Kapiteln, die sich zwar durch ihren Titel, nicht aber durch die gleichförmige, allenfalls minimal verrückte Perspektive unterscheiden, spinnt sich das Drama überraschungsarm durch eine Reihe an Klischees und psychologische Skizzen. Die beiden Söhne übernehmen mit überschaubaren Facetten die Rolle emotionaler Ankerpunkte, Freunde und Familie des Vaters agieren in dessen trauerbedingten Trancezustand eher als Schemen als tatsächliche Figuren. Greifbarere Gestalt, und das nicht nur wegen des pechschwarzen menschengroßen Federkleids, erhält das lauernde und raunende Tierwesen.
Die Krähe mit kunsttherapeuthischen Ansatz etabliert sich als fester Charakter neben dem trauernden Figurentrio. Mit ihrer beharrlichen Präsenz und Enthüllung verliert sie jedoch nicht nur ihren anfänglichen Schrecken, es schwinden zusehends auch eingängigere Formen, die Trauerzustände seiner Charaktere auszuarbeiten. Flackernde Lichter, krächzende Töne und mitunter wackelige Aufnahmen von Ben Fordesman, dessen Kameraarbeit im Vergleich zum letztjährigen Genreritt LOVE LIES BLEEDING weniger eingehend wirkt, geben alles, um Grusel auf Pump zu erzeugen. Ehe sich wahrer Schrecken verbreiten kann, ist dieser mit den geflügelten Besuchern längst aus dem offenstehenden Schlafzimmerfenster geflattert.
Fazit
Energisch kämpft Benedict Cumberbatch als verwitweter Familienvater gegen seine tiefsitzende Trauer, die krächzenden Krähen und Genreklischees in Dylan Southerns zahmen Spielfilmdebüt an. Dessen seichte Gruselmomente verlaufen letztlich ins Leere, statt wirkungsvoll mit ihren Flügeln zu schlagen. Nicht feder- aber schauerlos.
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Originaltitel | The Thing with Feathers |
Kinostart | 25.1.2025 |
Länge: | 98 minuten |
Produktionsland | United Kingdom |
Genre: | Drama |
Regie | Dylan Southern |
Executive Producer | Mia Bays | Lee Broda | Thomas R. Burke | Ben Coren | Sierra Garcia | Patricia Lawley | Adrian Politowski | Morwin Schmookler | Sean Wheelan |
Producer | Andrea Cornwell | Leah Clarke | Adam Ackland |
Kamera | Ben Fordesman |
Cast | Benedict Cumberbatch, David Thewlis, Sam Spruell, Jessie Cave, Leo Bill, Vinette Robinson, Tim Plester, Adam Basil, Garry Cooper, Eric Lampaert, Lesley Molony, Dwane Walcott, Nandi Bhebhe, Kevin Howarth, Max Porter, Claire Cartwright |
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