Review Fakten + Credits


Review

aus dem Programm der 75. Internationalen Filmfestspiele von Berlin

Ob in der kleinen Wiener Wohnung, in der die 12-jährige Anna (Siena Popović) gemeinsam mit ihrer gehörlosen Mutter (Mariya Menner) lebt, in der unmittelbaren Umgebung des Wohnblocks oder in der neuen Schule, überall, wo sich Anna und ihre Freund*innen, aber auch die erwachsenen Figuren bewegen, begegnet Marie Luise Lehner ihnen auf einfühlsamer Augenhöhe. Der Wechsel ihrer jungen Hauptfigur ans Gymnasium ist dabei nicht nur der Zugang zu einer neuem Bildungsweg und zu einer neuen Welt, für das unaufgeregte Spielfilmdebüt auch der Schlüssel zu einem sensiblen Findungsprozess.

Einen solchen durchläuft in erster Linie die Hauptfigur selbst, die in ihrer neuen Klasse gleich grundlegende Dynamiken basierend auf Mode, anderen Statussymbolen und erster Liebe kennenlernt. Unaufdringlich skizziert Lehners Forumsbeitrag klassistische Strukturen anhand Schule und Freizeit, die die Lebensrealität und Gedanken der Protagonistin zusätzlich zur Pubertät und der Beziehung zu ihrer Mutter bestimmen. Letztere ist ebenso innig wie auf engstem Raum herausfordernd: Als Anna zum ersten Mal mit einem Mitschüler nach Hause kommt, wartet ihre Mutter im Freien, bis Anna ein Leuchtsignal vom Balkon sendet; wenig später ist die Situation andersherum.

Ein Mädchen schläft in einem Bett, ihre Mutter sitzt auf der Bettkante neben ihr

Wenn du Angst hast, nimmst du dein Herz in die Hand und lächelst © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Die Figur der Mutter, der sich nicht durch ihre Gehörlosigkeit und soziale Herkunft intersektionelle Hürden in den Weg stellen, bietet mehrschichtige Ansatzpunkte, wenngleich der Film nur wenigen ihrer Konflikte gerecht werden kann. Denn zentral bleiben Anna und ihre Erfahrungen, in einer Welt, der sie zunächst mit Zurückhaltung und Scham begegnet. Ganz im Gegensatz zu dem lebendigen Coming of Age-Drama selbst, das sich emotionalen, sozialen und körperlichen Veränderungen von vorneherein unverkrampft und natürlich annimmt.

Abseits von Mobbingerfahrungen, klaren Gut und Böse-Zeichnungen und der Zuschreibung struktureller Probleme auf persönliche Ebenen verdeutlicht der Film Abgrenzungserfahrungen als gesellschaftliche Mechanismen. Er findet aber auch freundschaftliche Begegnungen, die aus dem Rahmen herausbrechen. Wie Mara (Jessica Paar), die neben den anderen Mitschüler*innen der Klasse zwar schon forciert andersartige Zuschreibungen erhält, aber nur eine von vielen diversen Facetten des Spielfilms ist.

vor einer Statue sitzt eine Freundesgruppe, in ihrer Mitte ein Mädchen, das auf einem Handy scrollt

Wenn du Angst hast, nimmst du dein Herz in die Hand und lächelst © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Ohne Annas Erfahrungen zu werten, eindeutig einzuordnen oder überhaupt simple Antworten auf eine dynamische Welt zu suchen, erzählt Lehner eine Geschichte um Aufwachsen, Loslösen und Selbstfinden, die diversitätssensible Themen auf verschiedenen Arten und Weisen einarbeitet. Etwa über den Soundtrack, der mit markanten Songs nie nur rüschiges Beiwerk, sondern immer wieder Erzähler und Kommentator ist.

Mit Leben füllen das queere Sozialdrama ohnehin die authentisch gespielten Figuren, die ihre eigenen persönlichen und sozialen Konflikte zeigen, sowie kleine szenische Miniaturen der Einwohner*innen, die im Umfeld des Wohnblocks spielen. In nahbaren Bildern dürfen die Figuren fluchen, verzweifeln, wütend sein, kreischen, vor allem aber: sie selbst sein. Hoffnungslosigkeit obsiegt in WENN DU ANGST HAST, NIMMST DU DEIN HERZ IN DIE HAND UND LÄCHELST nie über die graue Realität, im Gegenteil. Auf dem spitzen Balkon stehend, sieht es so aus, als würden die Hauptfiguren auf dem Bug eines Schiffes in die Freiheit segeln.

Fazit

Mit wenig Scheu, aber einem inhärenten Lächeln erzählt Marie Luise Lehner in WENN DU ANGST HAST, NIMMST DU DEIN HERZ IN DIE HAND UND LÄCHELST von der Lebensrealität seiner jungen Hauptfigur. Ein konventioneller Erzählaufbau trifft unbekümmerte Blicke auf die Pubertät, soziale Unterschiede, Zugehörigkeiten. Nicht mit allzu großer Sprengkraft erzählt, aber sensibel ausgearbeitet.

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Review Fakten + Credits


Originaltitel Wenn du Angst hast nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst
Kinostart 19.2.2025
Länge: 87 minuten
Produktionsland Austria
Genre: Drama
Regie Marie Luise Lehner
Producer Katharina Posch
Kamera Simone Hart
Cast Siena Popović, Mariya Menner, Jessica Paar, Daniel Sea

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