Review
THE TESTAMENT OF ANN LEE basiert auf wahren Begebenheiten und handelt von der Frau Ann Lee (Amanda Seyfried), welche von 1736 bis 1784 gelebt hat und die religiöse Sekte der Shaker gegründet und nach Amerika gebracht hat. Ihre treue Gefolgschaft wie ihr Bruder William (Lewis Pullman), Mary Partington (Thomasin McKenzie), John Hocknell (David Cale), James Whittaker (Matthew Beard) und weitere haben sie als weibliche Christus betitelt und die Lehre der Shaker fanatisch missionarisch nach außen getragen.
Das gute Nepo-Baby
Das Schauspiel gehört zu den Stärken von THE TESTAMENT OF ANN LEE. Amanda Seyfried verkörpert die Sektenführerin, welche sich hart, aber gnädig gibt, treffend. McKenzie, David Cale, Matthew Beard, Tim Blake Nelson und Scott Handy wirken auf die Rezipienten immer wieder wie ein echtes fanatisches Gefolge von Ann Lee, welches für diese freiwillig in den Tod gehen würde, während Christopher Abbott als immer skeptischer werdender Ehemann ein Gegenstück dazu bietet.
Das größte schauspielerische Lob gilt jedoch Lewis Pullman, welcher in TOP GUN: MAVERICK Bekanntheit erlangte und in THUNDERBOLTS* bewies, dass er auch in Blockbustern nicht nur Mainstream kann. Doch seine Leistung in THE TESTAMENT OF ANN LEE ist nochmal eine Stufe höher und beweist endgültig, dass er sich den Ruf des Nepo-Babys nicht gefallen muss. Sohn von Bill Pullman hin oder her. Fans freuen sich auf weitere Filme mit dem Darsteller, ärgern sich aber insgeheim, da dieser hier nicht wieder Bob heißt.
Wie in der Ära
Die größte Stärke von THE TESTAMENT OF ANN LEE ist aber der Look des Films. Die Sets sind detailreich, lebhaft und passen mit ihren dreckigen, verwinkelten Gassen sowohl in das Manchester sowie Amerika des 18. Jahrhunderts. Ein Highlight sind hier auch das imposante Schiff sowie die Skylines von Dörfern und Städten. Letztere sind nicht am Computer entstanden, sondern wurden gemalt, wodurch das Setting noch einmal verwunschener wirkt.

The Testament of Ann Lee © 2025 Searchlight Pictures
Diese lebendige Atmosphäre von THE TESTAMENT OF ANN LEE wird zusätzlich von den detailverliebten Kostümen getragen, welche fast schon wie ein Original aus der Epoche wirken und dafür sorgen, dass das Publikum das Setting glaubhaft anerkennt. Die gesellschaftlichen Stellungen sowie die Art der Arbeit scheinen schnell ersichtlich.
Das große Aber
Doch mit Fortlaufen der Handlung fühlt sich die Detailtiefe für die Zuschauenden verschwendet an, da THE TESTAMENT OF ANN LEE eigentlich schon ab der Hälfte des Films auserzählt ist und auf der Stelle zu stehen scheint. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Film von Mona Fastvold die Regel „Show, don‘t tell“ bricht und in eine „und dann und dann und dann“ Erzählweise verfällt. Die Figur Ann Lee verkommt in ihrem eigenen Film zu einer Nebenrolle.
Hinzu kommen die Musicaleinlagen von THE TESTAMENT OF ANN LEE, welche von der Art an den Gesang aus JOKER: FOLIE À DEUX erinnern. Denn die Lieder treiben die Handlung kaum bis gar nicht voran und dienen eher dafür, nette Bilder für Trailer oder Social-Media-Posts zu schaffen. Und falls die Gesangseinlagen doch einmal was aussagen, doppelt sich die Aussage mit dem bereits erzählten von Thomasin McKenzie als Erzählerin.

The Testament of Ann Lee © 2025 Searchlight Pictures
Das darf nicht sein
Nicht religiöse Menschen haben ein großes Problem, sich auf die Handlung von THE TESTAMENT OF ANN LEE einzulassen, was daran liegt, dass selten das Gefühl aufkommt, als wolle der Film die Sekte kritisieren. Vielmehr untermalt dieser die Visionen der Propheten der Shaker mit biblischen Bildern, Visionen von Engeln und legitimiert die Lüge der gottgleichen Visionen. Das wirkt fast schon wie eine Propaganda und selbst Edward Bergers KONKLAVE ist als Film über die Wahl des Papstes mit dem Thema Religion deutlich sensibler umgegangen.
Doch das größte Problem von THE TESTAMENT OF ANN LEE sind die beinhalteten Sexszenen, aus denen deutlich hervorgeht, dass Ann Lee (Amanda Seyfried) überhaupt nicht in der Situation sein will und kein Bedürfnis nach erotischer Nähe verspürt. Wie man es dreht und wendet, es handelt sich um eine Vergewaltigung, die der Film als Katalysator zur Charakterentwicklung nutzen will. Die Darstellung hat aber kein Stilmittel für Filme, die die Tat als solche nicht kritisieren, zu sein.
Hinzu kommt, dass THE TESTAMENT OF ANN LEE Themen wie Rassismus thematisiert, es aber nicht abschließend schafft, diese kritisch zu benennen. Zwar spricht sich die Gemeinschaft gegen Sklaverei und die Vertreibung von Natives aus und nimmt auch PoC-Personen bei sich auf, aber deren Flucht aus der Sklaverei ist keine Befreiung, da sich der Sekte um Ann Lee bedingungslos untergeordnet werden muss. Es ist der Wechsel von einem unterdrückerischen System in das Nächste, nur dass in der Sekte keine Peitschenhiebe oder Hinrichtungen zu erwarten sind. Und auch das Lippenbekenntnis der Solidarität gegenüber Natives ist mehr als nur Scheinheilig, da die Gruppe am Ende dennoch kolonial Land der Natives von weißen US-Amerikanern erwirbt.
![Zwei Personen stehen nebeneinander an Deck eines Segelschiffs. Im Hintergrund sind Taue, Masten und Teile des Segels zu sehen. Die Person links trägt ein helles, gestricktes Tuch, während die Person rechts eine braune Jacke trägt. Das Licht ist hell und vermittelt eine klare, maritime Atmosphäre. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/01/Ann-Lee2-1400x580.webp)
The Testament of Ann Lee © 2025 Searchlight Pictures
Fazit
THE TESTAMENT OF ANN LEE überzeugt mit detailverliebten fantastischen Sets sowie einem starken Schauspiel. Jedoch fühlt sich der Einsatz von beidem verschwendet an, da der Film inhaltslose Musikelemente aufweist und das Publikum mit einer repetitiven Erzählweise langweilt. Der Film geht schlichtweg zu lang und fühlt sich zudem zu sehr nach Lobpreisung der Sekte an. Kritik wird kaum bis gar nicht dargestellt. Wer jedoch einen starken Lewis Pullman sehen will und mit Vergewaltigungsszenen als Stilmittel kein Problem hat, kann einen Blick wagen.
Es bleibt jedoch fraglich, wieviel von dem Erzählten von THE TESTAMENT OF ANN LEE auf wahren Begebenheiten beruht. Die Rezipienten gehen nicht wirklich schlauer als vor der Sichtung des Films heraus. Wer mehr erfahren will, ist erstmal auf den Wikipediaartikel angewiesen, bevor es überhaupt ansatzweise in eine tiefere Recherche gehen kann.
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| Originaltitel | The Testament of Ann Lee |
| Kinostart | 25.12.2025 |
| Länge: | 137 minuten |
| Produktionsland | United States of America |
| Genre: | Drama | Historie | Musik |
| Regie | Mona Fastvold |
| Executive Producer | Kyle Stroud | Claude Amadeo | Randal Sandler | Michael D'Alto | Chris Triana | Adam Paulsen | Saskia Gigi Duff | Tom Ogden | Oleg Nodelman | Chris Renteria | Michael Fowler | Zelene Fowler | Scott Aharoni | Megan Ellison | Patrick Chu | Diana Chen | Brantley Gong | Jesse Ozeri | Vincent Peone | Zach Verdin | Dave Guenette | Metin Alihan Yalcindag | Sinan Eczacıbaşı | David Kaplan | Marcin Czernik | Heather Nodelman | Marc Iserlis |
| Producer | Andrew Morrison | Joshua Horsfield | Viktória Petrányi | Mona Fastvold | Brady Corbet | Mark Lampert | Gregory Jankilevitsch | Klaudia Śmieja-Rostworowska | Lillian LaSalle | Daniel Lägersten | Maddie Browning | Kristina Börjeson |
| Kamera | William Rexer |
| Visual Effects | Des Anwar |
| Musik | Daniel Blumberg |
| Cast | Amanda Seyfried, Lewis Pullman, Thomasin McKenzie, Matthew Beard, Christopher Abbott, Viola Prettejohn, David Cale, Stacy Martin, Scott Handy, Jeremy Wheeler, Tim Blake Nelson, Daniel Blumberg, Willem van der Vegt, Maria Sand, Millie-Rose Crossley, Esmee Hewett, Harry Conway, Benjamin Bagota, Scott Alexander Young, George Taylor |
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![Szenenbild aus "The Testament of Ann Lee": Eine Frau mit langen, gewellten Haaren trägt ein braunes Kleid mit weißer Bluse und steht mit ausgebreiteten Armen im Mittelpunkt eines Raumes. Um sie herum bewegen sich mehrere Personen in historischer Kleidung, viele mit erhobenen Armen. Im Hintergrund sind ein Fenster mit blauen Vorhängen, ein Gemälde an der Wand und zwei brennende Kerzenleuchter zu sehen. Die Szene wirkt dynamisch und lebhaft. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/01/Ann-Lee-©-2025-Searchlight-Pictures.webp)

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