Rezension
aus dem Programm der 76. Internationalen Filmfestspiele von Berlin
Deutlicher im Vordergrund als die Bergbauprojekte, die das Land ihrer Vorfahren bedrohen und die traditionsverbundene, naturnahe Lebensweise der Samen, denen Rentierhirtin Maia (Sara Marielle Gaup Beaska) angehört, steht in Elle Sofe Saras Debütfilm ÁRRU ein Familiendrama. Ein zurückliegendes Traumata, destruktive Familiendynamiken, die, auch wenn sie in das eisige Panorama des nordischen Sápmis und die im Kino wenig thematisierte Kultur der Samen eingebettet sind, eher abgegriffen als eindringlich wirken. Wie die Figuren selbst wandern auch deren inneren und äußeren Konflikte häufig über eine zugefrorenen Oberfläche.
Die schauspielerischen Leistungen nähern sich der kühlen, starren Umgebung des Handlungsortes an, sind aber nie so wuchtig wie die Landschaften um sie herum. Stereotype Konflikte und (Nicht-)Konfrontationen verdrängen ÁRRUs tieferliegendes Konfliktpotential rundum indigenen Aktivismus gegen die Bergbauprojekte oder den modernen Wandel und die Reibung innerhalb der samischen Lebensrealität. Jene bleibt abseits von Trachten kaum angetastetes Beiwerk, während selbst die traumatischen Erfahrungen und das Herausfordern eingesessener Familienwerte entweder nur blasse oder abstrakte Auseinandersetzung finden.
Raum für Nuancen bietet sich den Darsteller*innen um Sara Marielle Gaup Beaska, Ayla Gáren Audhild P. Nutti, Simon Issát Marainen und Mikkel Gaup jedenfalls wenig, – zu farblos wirken Figuren wie Maias traumatisierter Bruder oder das (geöffnete) Verhältnis zu Lemme, der oft nur als dramaturgisches Mittel fungiert. Sorgfältiger ausgearbeitet und vorbereitet als die Vergangenheit und die daraus resultierenden Gewissenskonflikt scheinen die musicalartigen Sequenzen von ÁRRU, die als Ventil für viele Protagonistinnen dienen. Für die Einwohner*innen, um sich für den Kampf gegen das Bergbauprojekt zusammenzuschwören; für Maia, um mit allerhand aufgestauten Gefühlen und unausgesprochenen Gedanken zurechtzukommen.
Und auch für den Film selbst, der hier und da genau auf diese Szenen hinarbeitet und in ihnen, ist eins Musicals nicht abgeneigt, durchaus eine Stärke findet. Die samischen Gesangseinlagen können die Ressourcen des Settings und die der Figuren zwar auch nicht ausschöpfen, sorgen jedoch für emotionale und narrative Regungen in einem Film, der mit blassen Dramenversatzstücken öde in Schnee- und Graslandschaft verläuft.
Fazit
In der eisigen Kälte Sápmis stößt Elle Sofe Saras ÁRRU auf ein mindestens so kühles, festgefrorenes Familiengefüge, dessen unaufgearbeitete Vergangenheit mehr Raum einnimmt als der indigene Aktivismus und der Kampf gegen die Ausbeutung. Trotz Einblicke in Traditionen sowie Gesangs- und Tanzsequenzen ein eher steifes, blasses Drama.
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| Originaltitel | Árru |
| Kinostart | 16.2.2026 |
| Länge: | 95 minuten |
| Produktionsland | Norway |
| Genre: | Drama | Musik |
| Regie | Elle Sofe Sara |
| Producer | Elisa Fernanda Pirir | Ragna Nordhus Midtgard |
| Kamera | Cecilie Semec |
| Cast | Sara Marielle Gaup Beaska, Simon Issát Marainen, Ayla Gáren Audhild P. Nutti, Mikkel Gaup |
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