Rezension
Wenn am Ende von DO YOU LOVE ME der Name der Regisseurin Lana Daher erscheint, dann folgen ihrem die Namen Dutzender weiterer libanesischer Künstler*innen. Auf deren Bild- und Erzählmaterial basiert der essayistische Dokumentarfilm nicht nur gedanklich, aus dem unterschiedlichsten, medienübergreifenden Archivmaterial ist Dahers aufgewühltes Werk beinah vollständig zusammengesetzt. Ein fließendes Sammelsurium an (filmischen) Erinnerungen eines Landes, das keine zeitliche oder strukturelle Grenze kennt. Und das Angesicht der zuletzt wieder verheerenden israelischen Angriffe auf den Libanon noch wertvoller und dringlicher scheint.
Die politischen Komponenten sind jedoch in erster Linie unterschwellig. Vordergründig durchforstet der Film das audiovisuelle Erbe des Libanon und begibt sich auf vielstimmige Identitäts- und Bildersuche. Da sind Bilder des libanesischen Filmpioniers Georges Nasser, Ausschnitte aus den Filmen von Jocelyne Saab, die in ihren Dokumentarfilmen das Leben und Überleben im libanesischen Bürgerkrieg schildert, Werke der bildenden Künstlerin Ayla Hibiri, ein Foto des Journalisten George Semerdjian, der einmal sagte:
„I have wandered the world, but no country has the beauty of Lebanon.“ (George Semerdjian)
Da sind Aufnahmen der libanesisch-armenischen Filmemacherin und Archivarin Chantal Partamian, ein Wimpernschlag von Ouladis Mouaness‘ sensibler Coming-of-Age-Geschichte 1982, Bilder aus den Archiven großer Tageszeitungen, das titelgebende Lied der Bendaly Family, Werke von Hip-Hop-Artists und der „Stimme des Libanons“ Fairuz und auch ganz persönliche Einblicke. Das familiäre Foto- und Videoarchiv der Regisseurin selbst. (aufgelistet und mit Informationen versehen sind alle zitierten, arrangierten und eingebundenen Werke auf der Website des Films!)

Do You Love Me © Memories Lost (2020) by Ayla Hibri
Unstillbar wühlt DO YOU LOVE ME in diesen Spiel- und Fernsehfilmen, in Heimvideo- und Fotoaufnahmen, Medien- und Musikgeschichte, ohne einzelne Schnipsel zu erklären, durch Interviews in Kontext zu setzen oder (film-)historisch immer eindeutig einzuordnen. Stattdessen spinnt sich Lana Daher assoziativ durch Genre und Jahrzehnte und weckt das mediale Vermächtnis ihres Heimatlandes abseits chronologischer oder distanziert dozierender Zwängen wirksam auf.
Medialer Meltingpot
Flüchtig wie Erinnerungen in einem 80-minütigen Gedankenstrom kreisen die filmischen Puzzlestücke um historische wie persönliche Identitäts- und Zugehörigkeitskonflikte. Vollkommen lose sind sie jedoch nie. Die einzelnen Fragmente korrespondieren, kommunizieren miteinander und verdichten sich zu einer eingehenden Video- und Klangcollage. Jene füllt mediale und kulturelle Gedächtnislücken mal verspielt, mal überquellend aus und schafft in unbändiger Filmform Sichtbarkeit über den Libanon hinaus.

Do You Love Me © Suicide (2003) by Eliane Raheb
Disorientation is part of the journey, gibt Lana Daher ihrem Publikum zu Beginn des Films nicht ohne Grund mit auf den Weg. DO YOU LOVE ME lebt davon, wird zur persönlichen, aber nie selbstzentrierten Aufarbeitung und Aufbereitung, zu einer Strategie Erinnerungen zu verarbeiten, zur Hommage ans Kino und die Künste darüber hinaus, – im einnehmenden wie fragilen Spannungsfeld zwischen intimer und breiter Erzählung.
Fazit
Ausgraben und Herumwühlen in libanesischer Film-, Kunst- und Mediengeschichte, – assoziativ, widerstandsfähig, persönlich erzählt; mal ein sanftes, mal ein stürmisches, in beiden Fällen eindrückliches Doku-Mosaik.
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| Originaltitel | Do You Love Me |
| Kinostart | 7.5.2026 |
| Länge: | 75 minuten |
| Produktionsland | France |
| Genre: | Dokumentarfilm |
| Regie | Lana Daher |
| Producer | Lana Daher | Jean-Laurent Csinidis | Jasper Mielke | Karoline Henkel | Arto Sebastian |
| Cast |
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