Review Fakten + Credits


Rezension

aus dem Programm des 41. Dok.fest München

Mit ein paar wortlosen Minuten, Fangenspielen in einem hochgewachsenen Feld, taucht Dongnan Chen in ihrem Dokumentarfilm WHISPERS IN MAY in die Lebenswelt ihrer 14-jährigen Protagonistin Quiro ein. Sie lebt in den Liangshan-Bergen, der Heimatregion der Yi, im Südwesten Chinas und ist zum größten Teil auf sich allein gestellt. Ihre Eltern sind Wanderarbeiter*innen und weit von ihrer Tochter entfernt, als diese ihre erste Periode bekommt. Yi-Mädchen stehen damit nicht nur körperliche Veränderungen bevor, sondern auch die traditionelle „Shalaluo“-Zeremonie. Der „Rockwechsel“ zum Ende der Kindheit.

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Wirklich anvertrauen kann sich Quiro mit all diesen Dingen nur ihren Freundinnen, mit denen sie sich täglich trifft. Gemeinsam beschließen sie, da Quiros Mutter aus der Ferne nicht für das Ritual aufkommen kann, einen Rock für die Zeremonie zu besorgen. Dongnan Chen begleitet sie auf ihrem weiten Weg und verbindet in ihrem zweiten Langfilm dokumentarische, improvisierte sowie folkloristische Elemente. Dokumentarische, in dem sie sich dem Lebensraum und den Traditionen auf nüchterne Art und Weise annähert, improvisierte, in dem sie die jungen Protagonist*innen sich selbst spielen und Situationen selbst entwickeln lässt, und folkloristische, in denen ein Teil der Yi-Mythologie in Animationen erwacht.

Wahrheit oder Pflicht am Straßenrand 

Immer nah an den jungen Menschen entsteht eine empathische Hybrid-Doku, die den traditionellen, patriarchalen Druck auf die Mädchen wiederholt, aber weniger konfrontativ deutlich macht. Unaufgeregt zeichnet Chen ein komplexe Porträt vom Erwachsenwerden, in dem körperliche Veränderungen, tradierte Erwartungen von außen, die Abwesenheit der Eltern, überhaupt von richtigen Bezugspersonen, Social-Media-Vorbilder, die Aussicht auf arrangierte Ehen, ökonomische Hintergründe und naive Träume zusammenfließen. Nicht jedes Teil ist immer eindeutig Dokumentation oder Fiktion zuzuordnen, viel öfter sind auch sie in einem Schwebezustand wie die junge Hauptfigur zwischen Kind und Teenager.

Nahaufnahme eines Mädchen, das einem anderen Mädchen etwas ins Ohr flüstert.

Whispers in May © DOK.fest München

Passend zu den Themen des Films ist WHISPERS IN MAY auch im nicht-übertragenen Sinne ein Roadmovie geworden. Ein Spaziergehen, Gefahrenwerden, Nach-dem-Weg-Fragen; resignieren und orientieren vor kargem, aber eindrücklichem Bergpanorama. Ein Doku-Roadtrip, der irgendwann in einer famos lebendigen Szene endet, ohne das ausgeschriebene Ziel wirklich erreicht zu haben, der kurz einen Blick in die Zukunft wirft, aber eigentlich nicht zu einem konkreten Ende findet. Und damit wunderbar der traditionellen Illusion entgegenläuft, es gäbe einen bestimmten Zeitpunkt, wie die erste Periode, in dem das Kindsein endet und ein Schalter zum Erwachsenenleben umgelegt wird.

Fazit 

Zwischen Coming of Age-Doku, folkloristischen Animationen und losem Roadtrip balanciert Dognan Chen empathische Einblicke in eine traditionsgeprägte Lebensrealität. Im Zentrum: junge Protagonist*innen, die sich vor der Kamera selbstbewusst Raum verschaffen, deren persönliche Reise weitaus tiefer führt, als nur zwischen imposanten Bergen entlang und die, wie die gemächliche, aber lebendige Dokumentation selbst, auch einmal vom Weg abkommen.

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Review Fakten + Credits


Originaltitel 春日幻游
Kinostart 15.3.2026
Länge: 95 minuten
Produktionsland South Korea
Genre: Dokumentarfilm
Regie 陈东楠
Producer 徐筱 | 오희정 | Jia Zhao | Malin Hüber
Cast

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