Rezension
Niemand entkommt Stiller, so scheint es in Stefan Haupts Charakterdrama STILLER. Dessen Titelfigur versucht vergeblich, der bildungsbürgerlichen Biographie eines selbstsüchtigen Schweizer Bildhauers in die abenteuerliche Alternativvergangenheit eines amerikanischen Lebenskünstlers zu entfliehen. Gleichsam zielt Haupt augenscheinlich mehr auf einen Hitchcock-hafter Verwechselungskrimi und Psychothriller, aber entrinnt dennoch nicht der abstrahierten Alltäglichkeit Max Frischs gleichnamiger Buchvorlage. Deren existenzialistische Fragen nach Selbst- und Fremdbild sowie der Möglichkeit einer Flucht vor der eigenen Person winden sich sukzessive in die symbollastige Handlung. Die betritt der von Albrecht Schuch gewohnt präzise verkörperte Protagonist als James Larkin White; laut der Zürcher Polizei tatsächlich der untergetauchte Schweizer Bildhauer Anatol Stiller.
Unter dem Vorwurf der Spionage inhaftiert die Polizei Stiller, der selbst vor seiner getrennten Ehefrau Julika (Paula Beer) und dem ihm bekannten Staatsanwalt (Max Simonischek) auf seiner neuen Identität beharrt. Durch kleine Verunsicherungen wie verschiedene Besetzung der beiden Stiller will das von Haupt zusammen mit Alex Buresch verfasste Drehbuch beim Kinopublikum Zweifel an Stillers Identität wecken. Doch dafür klingt dessen amerikanischer Akzent zu aufgesetzt und seine US-Anekdoten zu märchenhaft. Diese deplatzierten Genre-Elemente ziehen den wortlastigen Plot unnötig in die Länge und verwässern die psychologische Parabel der literarischen Vorlage. Deren kafkaeske Kritik an der Schweizer und pragmatische Tragik verdrängt ironischerweise gerade der scheingeläuterte Selbstbetrug, den Frisch demaskierte.
![Zwei Personen sitzen nebeneinander auf einem Holzsteg vorm Meer. Die Person links trägt eine blaue Mütze, eine schwarze Weste über einem hellen Hemd, beige Hosen und braune Schuhe. Die Person rechts trägt einen dunkelblauen Mantel, einen karierten Rock in Rot- und Blautönen sowie braune Stiefel. Neben ihnen liegt eine schwarze Tasche auf dem Steg. Im Hintergrund ist ein Metallgeländer zu sehen. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2025/10/Stiller_003-1400x697.webp)
Stiller ©2025 StudioCanal GmbH | Aliocha Merker & Marc Reimann
Fazit
Der Wechsel in Farbdramaturgie sowie von geschlossenen Räumen zu sich schrittweise öffnenden Szenen unterstreichen auf visueller Ebene die beengende Wirkung der früheren Facetten der titelgebenden Identität. Die kann der Protagonist ebensowenig mit seinem Ich-Ideal vereinen wie Regisseur Stefan Haupt mit Albrecht Schuchs Leinwand-Persona. Somit ist das Gefängnis, in dem Stiller scheinbar als einziger Häftling mit großzügigen Freigängen verweilt, mehr ein sozialpsychologischer Symbolraum der Selbstreflexion. Dass jene tatsächlich existenzielle Erkenntnis bringt, führt die stagnierende Story zu einem ideellen Fazit in eigenwilligem Kontrast zur realistischen Romanvorlage. Deren Vielschichtigkeit verliert sich in dem glatten Schauspielkino, dessen namhafter Cast die strukturellen Brüche nicht kitten kann.
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| Originaltitel | Stiller |
| Kinostart | 16.10.2025 |
| Länge: | 99 minuten |
| Produktionsland | Germany |
| Genre: | Drama | Fantasy |
| Regie | Stefan Haupt |
| Executive Producer | Heike Kresse |
| Producer | Anne Walser | Tobias Walker | Philipp Worm |
| Kamera | Michael Hammon |
| Visual Effects | Andreas Frickinger |
| Cast | Albrecht Schuch, Paula Beer, Maximilian Simonischek, Marie Leuenberger, Sven Schelker, Stefan Kurt, Martin Vischer, Marius Ahrendt, Ingo Ospelt, Gabriel Raab |
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