Review Fakten + Credits


Rezension

aus dem Programm der 76. Internationalen Filmfestspiele von Berlin

Die zwei Handlungsstränge von Jérémy Comtes PARADISE trennen etwa 10.000 Kilometer, – wie geschaffen für die Festivalsektion Panorama, in dem das Spielfilmdebüt zu sehen ist. Einer spielt im ghanaischen Accra, wo ein junger Mann namens Kojo (Daniel Atsu Hukporti) in die zwielichtigen Geschäfte einer Straßengang hineingezogen wird, der andere im Leben von Tony (Joey Boivin-Desmeules), einem rebellischen Teenager, wohnhaft in einer kanadischen Kleinstadt.

Beiden jungen Männern fehlt der Vater, beide wachsen in fragilen Familienverhältnissen auf, beide suchen sie nach einem Platz in der Welt, jagen dabei schemenhaften Vorstellungen und Träumen nach und beide sind sie dabei nicht als reine Sympathieträger gezeichnet. Verknüpft werden ihre Lebensrealitäten durch Tonys Mutter Chantal (Evelyne de la Cheneliére), die Opfer von Scam-Anrufen wird, mit welchen Kojo zu Geld kommt. Nebeneinander entwickeln sich zwei grundverschiedene, in ihrer Konstruktion und Tiefe aber ähnlich holprige, holzschnittartige Welten, zwischen denen der Film sich sprunghaft hin und her bewegt. Ihre anschließende Kollision ist nicht weniger merkwürdig.

Drei Jugendliche fahren auf Skateboards eine asphaltierte Straße entlang. Die Szene zeigt eine herbstliche Wohngegend mit Laub auf der Straße, Bäumen und Häusern im Hintergrund. Die Jugendlichen tragen Jacken und lange Hosen. Die Perspektive ist leicht von hinten, sodass die Gesichter nicht zu erkennen sind.

Paradise © Entract Studios, Constellation Productions

Unausgereifte Paradise

Tonys Mutter geht in einer blassen Nebenrolle unter, ihr emotionaler Ausnahmezustand dient nur als Auslöser für das Abenteuer ihres Sohnes. Tonys Figur selbst baut auf eine Reihe von Teenager-Klischees auf, ohne daraus ein wirkliches Eigenleben zu entwickeln, und findet sich dann wie aus dem Nichts in Ghana wieder. Dort ist auch Kojos Entwicklung alles andere als eine stringente und tiefreichende Figurenstudie, im Zusammenhang mit den aufkommenden Gewissenskonflikten, sich verschiebenden Machtverhältnissen und dem Verschwinden sowie den mystischen Geschichte seines Vaters aber noch die Handlung mit dem meisten Potential.

Ähnlich hinter diesem zurück bleiben Comtes Spiel mit Feuer und Wasser, übersinnliche Facetten, (un-)heilvolle Symbole, die sich eher als lose Gedanken denn als kohärente und vor allem wirkungsvolle Geschichtenerzähler erweisen. Sie sind inszenatorische Ansätze, die die ansonsten kaum bestechenden Bilder ein wenig aufrühren. Und dabei immer noch eingehender als das endgültige Aufeinandertreffen beider Handlungsstränge, das in seiner Hektik und dramatischen Zuspitzung einen unausgereiften und ernüchternden Höhepunkt findet.

Ein überdachter, offener Bereich mit Betonboden, auf dem verstreut Gegenstände wie Eimer, Kisten und Steine liegen. Im Hintergrund sind ein Fluss oder Hafenbecken, mehrere bunte Boote und Häuser zu sehen. Eine Person steht im Halbschatten und blickt auf den Boden. Das Licht ist gedämpft, die Szene wirkt ruhig und verlassen.

Paradise © Entract Studios, Constellation Productions

Eine Dynamik zwischen den beiden Hauptfiguren kann sich gar nicht erst entwickeln, zu früh zerfällt die Geschichte schon wieder wie einer der Träume, nach denen die jungen Protagonisten erfolglos streben. Dabei hätten die Visionen, die selbsttäuschenden Verhalten der Figuren, die verletzten Vertrauensverhältnisse, die Hintergründe der Betrugsmasche, die zermürbenden kapitalistischen Spiralen, selbst die unterschiedlichen Töne des fragmentarischen Genremixes noch viel mehr an Tragweite und Bedeutungsebenen hergegeben.

Fazit

Paradiese blühen nur in den Köpfen der Hauptfiguren, deren Schicksale in Jérémy Comtes Erstlingswerk nie wirkungsvoll ineinandergreifen. PARADISE erzählt länderübergreifend von desillusionierten Menschen, verhebt sich aber an der Komplexität mehrerer Lebensrealitäten, die in seinem holprigen Debüt wie Figuren, Symbolik und Filmsprache zum großen Teil noch unausgereift bleiben.

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Review Fakten + Credits


Originaltitel Paradise
Kinostart 14.2.2026
Länge: 90 minuten
Produktionsland Canada
Genre: Drama | Thriller
Regie Jérémy Comte
Producer Tim Ringuette | Anne-Marie Gélinas | Fabien Westerhoff | Noah Segal | Christina Piovesan
Musik Valentin Hadjadj
Cast Joey Boivin-Desmeules, Daniel Atsu Hukporti, Evelyne de la Chenelière

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