Rezension
Man nehme „Das Dschungelbuch“ als Story-Vorlage, spickt es mit einer Handvoll Motiven aus „Der kleine Prinz“ und verpackt es in eine Trivial-TV-Version der Ästhetik von Disneys Live-Action-Filmen. Dazu Exotismus, Neo-Kolonialismus und Nepotismus und man hat Gilles de Maistres DIE LEGENDE DES WÜSTENKINDES. Darin wird die 14-jährige Sun (Neige de Maistre) für ihren gleichnamigen Debüt-Roman über einen in der Sahara verirrten kleinen Jungen namens Hadara, der von Straußen aufgezogen wird und im Alter von 12 Jahren zu den Menschen zurückkehrt, gefeiert. Auf einer Lesereise in der Sahara lernt Sun erstaunt, dass die Gute-Nacht-Geschichte, die ihr verstorbener Großvater ihr erzählte, wahr ist.
Die Legende des Nepo-Babys wäre auch ein passender Titel gewesen, da Neige de Maistres Qualifikation offenbar darin besteht, die Tochter des Regisseurs und der Drehbuchautorin Prune de Maistre zu sein. Doch vermutlich entschied man sich dagegen, da der Hauptteil der Handlung von Hadara (Nahel Tran) erzählt. Er ist zwei Jahre alt, als seine Mutter (Sairi Salma) erst ihr Kamel, dann ihre Karawane und schließlich ihn verliert. Die Karawane scheint aus Tausendundeiner Nacht angetrabt. Hadara sieht doppelt so alt aus, wie er sein soll. Die Umstände, die ihn allein in der Wüste zurücklassen, sind so abstrus, dass man die Szene sehen muss.
Was keine Filmempfehlung ist, denn dies ist erst der Anfang der Unwahrscheinlichkeiten. Diese sind ebenso unfreiwillig komisch wie ärgerlich, da de Maistre auf die Wahrhaftigkeit der Ereignisse pocht. Die Idee dazu lieferte „The Boy who lived with Ostriches“ der schwedischen Kinderbuch-Autorin Monica Zak. Sie verquirlte eine angeblich in der Sahara gehörte Geschichte mit ihrer Phantasie (genauer: narrativen Versatzstücken von Kipling und Saint-Exupéry). Für de Maistre ist das alles gleichbedeutend mit verbürgten Fakten: “This is no longer theory. It is lived human experience.”, zitiert ihn ein Promotion-Artikel. Der spricht ebenso wie ein nach dem Vorspann eingeblendeter Text von einer wahren Begebenheit.

Die Legende des Wüstenkindes ©2025 STUDIOCANAL | Mai Juin Productions | UMEDIA Production
Selbige verklausuliert die Reklame als „wahre Legende“. Genauso ließe sich eine „Rotkäppchen“-Verfilmung als „nach einer wahren Geschichte“ ausgeben. So lebensnah wie das Grimms-Märchen sind die Szenen des kleinen Protagonisten, der begleitet von seinem Wüstenfuchs-Freund durch die Sahara tollt. Frisches Wasser gibt es überall und eine Diät aus Skorpionen, Käfern und Gräsern reicht völlig aus, um gesund zu gedeihen. Suns Erzählerinnen-Kommentar beschreibt Hadaras Leben als hart, aber die verkitschten Szenen zeigen das Gegenteil. Nur der Ober-Strauss disst Hadara anfangs, denn hier geht es auch um die „gelebte Erfahrung“ der Laufvögel. De Maistre: „I realized how misunderstood the ostrich is.“
Zum Glück hat Hadara die Tiere schon fast zu lieb, so wie er sich in einigen zweideutigen Momenten an sie rankuschelt. Cringe und creepy überlagern sich in den klebrig-süßen Szenarien, der Wüstenkindheit, die keinerlei motorische, kognitive oder psychosoziale Beeinträchtigungen hinterlässt. Natürlich funkt irgendwann die Zivilisation dazwischen. Zu der ziehen Hadara in einem fast 1:1 kopierten Mogli-Moment, der eindeutig mehr creepy als cringe ist, seine erwachenden Fortpflanzungstriebe. Noch verfehlter als die bizarre Binnenhandlung ist die Rahmenhandlung, die vor kolonialistischen Paternalismus strotzt. Dass eine marokkanische NGO darin investiert, eine ultra-privilegierte Französin wie Sun auf Lesereise zu schicken, ist schon wieder traurig realistisch.

Die Legende des Wüstenkindes ©2025 STUDIOCANAL | Mai Juin Productions | UMEDIA Production
Kritisiert wird es natürlich nicht in einer Story, die eine weiße eurozentrische Bourgeoisie als Bewahrer saharischen Sagen- und Kulturguts darstellt. Die marokkanischen Kinder, denen Sun ihr Buch vorliest, sind begeistert, eine ihnen längst bekannte Legende von einer weißen Französin vorgetragen zu bekommen. Ähnlich euphorisch erwartet man die Reaktionen des Zielpublikums des derivativen Abenteuer-Kitsch. Dessen Hochglanz-Optik und artifiziellen Ästhetik atmen die manipulative Makellosigkeit und austauschbare Akkuratesse eines Werbespots. Einem solchen entsprechen auch die hölzernen Dialoge und seelenlosen Charaktere, unter denen die animalischen Akteure die überzeugendsten sind. Theatralischer Soundtrack und bühnenhafte Szenenbilder katalysieren die kommerzielle Konstruktion des Szenarios: ein peinlich pathetisches Profit-Projekt.
Fazit
Kolonial-Kitsch Kommerz-Kino.
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| Originaltitel | L’Enfant du Désert |
| Kinostart | 8.4.2026 |
| Länge: | 90 minuten |
| Produktionsland | France |
| Genre: | Familie | Abenteuer |
| Regie | Gilles de Maistre |
| Cast | Kev Adams, Nahel Tran, Nahïl Bouazzaoui, Neige de Maistre, Adriane Gradziel |
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