Review Fakten + Credits


Inland Empire Filmstill

Inland Empire ©2023 StudioCanal

David Lynch ist vermutlich einer der außergewöhnlichsten Regisseure der letzten Jahrzehnte. Angefangen im Jahr 1977 mit dem surrealistischen Film ERASERHEAD, hat sich Lynch vor allem durch seine Mystery-Filme und die Serie TWIN PEAKS einen Namen gemacht. Schon vor dem goldenen Zeitalter der Serie hat Lynch eine Reihe geschaffen, bei der die Zuschauer*innen zum Rätseln eingeladen wurden. Sein bekanntester Film dürfte jedoch MULHOLLAND DRIVE sein. Benannt nach einer Straße in den Hollywood-Hills wirft Lynch einen düsteren Blick auf die Traumfabrik. Auch hier spielt der Filmemacher, wie so oft, mit Surrealismus und Symbolen, die sich einem nicht sofort erschließen. Insgesamt hat David Lynch mit Filmen auf sich aufmerksam gemacht, die seine Zuschauer*innen herausfordern. Für viele macht genau das den Reiz aus. Lynchs Filme sind sehr komplex, lassen einen aber sehr befriedigt zurück, wenn man die Geheimnisse entschlüsselt. Auch INLAND EMPIRE ist ein Film voller Mysterien und Geheimnisse. Es handelt sich dabei um Lynchs bisher letzten Spielfilm.

Darum geht es…

Die erfolglose Schauspielerin Nikki Grace (Laura Dern) bekommt endlich die große Chance, nach der sie sich lange gesehnt hat. Sie erhält die Rolle im neuesten Film von Regisseur Kingsley Steward (Jeremy Irons). Gemeinsam mit Devon Berk (Justin Theroux) soll sie die Hauptrolle in “On High in Blue Tomorrow” spielen. Im Laufe der Dreharbeiten erfahren die beiden Darsteller*innen, dass es sich bei dem Film um ein unautorisiertes Hollywood-Remake eines deutschen Films handelt. Es ranken sich diverse Legenden um den Film “4-7”, da die Dreharbeiten, aufgrund eines tragischen Todesfalls, angeblich nie vollendet wurden. Es heißt, dass das Drehbuch verflucht sei. Keiner von ihnen glaubt an solche Ammenmärchen, doch Nikki scheint sich zunehmend zu verändern. Ihre Realität verschmilzt mit der ihrer Rolle. Sie wird immer mehr zu Susan Blue und sieht in ihrem Kollegen nicht mehr Devon Berk, sondern seine Rolle Billy Side.

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Rezension:

Bei INLAND EMPIRE handelt es sich vermutlich um den gewagtesten Film von David Lynch. Der Regisseur hat sich bei den Dreharbeiten neuen Herausforderungen gestellt. So gab es kein vorgefertigtes Drehbuch, was jedoch keine Fehler, sondern eine bewusste Entscheidung war. Lynch wollte sich von der Stimmung des Films mitreißen lassen, um ein besonderes Werk zu schaffen, was ihm sehr gelungen ist. Obwohl die Handlung des Films nicht stringent erzählt wird und man sich nicht sicher sein kann, auf welcher Ebene von Zeit und Raum man sich gerade befindet, wird man von der düsteren Stimmung des Films mitgerissen. Mit INLAND EMPIRE beweist Lynch erneut, dass er ein herausragender Künstler ist, der sein Handwerk versteht. Durch seine besondere Herangehensweise sind wir den Figuren viel näher und entwickeln eine besondere Faszination, insbesondere für Nikki.

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Inland Empire ©2023 StudioCanal

Im Gegensatz zu anderen Surrealisten, die vermutlich wenig in der Popkultur Fuß fassen konnten, hat es Lynch geschafft, sich einen Platz in Hollywood zu erspielen. Filme wie LOST HIGHWAY oder MULHOLLAND DRIVE haben eine große Anhängerschaft gefunden und Vertrauen geschaffen. Für INLAND EMPIRE konnte Lynch so die großartige Laura Dern gewinnen. Dern dürfte den meisten durch JURASSIC PARK bekannt sein, doch sie hatte bereits zuvor in BLUE VELVET und WILD AT HEART mitgewirkt. In INLAND EMPIRE zeigt Dern, was für eine facettenreiche Darstellerin sie ist. Durch ihre Verkörperung von Sue und Nikki spielt sie zwei Figuren mit völlig unterschiedlichen Charaktereigenschaften. Durch ihre grandiose Darbietung hinterfragt man zu keiner Zeit, dass sie zwei Figuren spielt. An ihrer Seite sehen wir einen der unterschätztesten Schauspieler Hollywoods: Justin Theroux. Theroux hat ebenfalls zuvor mit Lynch zusammengearbeitet und in der Serie THE LEFTOVERS gezeigt, dass er zu den Besten seines Fachs gehört. Auch in diesem Film steckt er sein ganzes Können in die Darstellung seiner Figur, bekommt jedoch nicht so viel Zeit wie Laura Dern.

Amateurhaft umgesetzt oder große Kunst?

Eine weitere Besonderheit von INLAND EMPIRE ist seine visuelle Umsetzung. Auf den ersten Blick könnte man denken, dass der Film wirkt, als wäre er mit einem einfachen Camcorder gedreht worden. Und genau das ist richtig. David Lynch hat sich dazu entschieden, seinen Film nicht mit einer teuren Filmkamera, sondern mit einem Sony DSR-PD150 Camcorder zu drehen. Was zuerst befremdlich wirkt, wurde ganz bewusst eingesetzt, um eine bedrückende Atmosphäre zu erzeugen. Lynch spielt mit Kantenflimmern, Unschärfen und der Dunkelheit, die der Sensor der Kamera nicht erfassen kann. Durch den bewussten Einsatz dieses unprofessionellen Equipments wirkt der Film wie ein Heimvideo von etwas Schrecklichem, wie ein Creepy-Pasta-Video von seltsamen Erscheinungen oder Monstern. INLAND EMPIRE erzeugt so einen ähnlichen Effekt wie Found-Footage-Filme, wir fühlen uns den Figuren näher, und alle unangenehmen Szenen brennen sich bei uns ein.

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Inland Empire ©2023 StudioCanal

Neben der übergeordneten Handlung kritisiert Lynch erneut das System Hollywood. Er nimmt hier die Produzenten ins Visier, für die es weniger um die Kunst als um den finanziellen Erfolg geht. Während viele Filme wirken, als wären sie am Reißbrett entstanden, um Trends zu bedienen, ist INLAND EMPIRE die Antithese zu diesem Vorgehen. Der Film erzählt keine gradlinige Geschichte, sondern bietet eine herausfordernde Erfahrung. Lynch gibt uns kein schönes Bild, das wir kurz betrachten und dann wieder vergessen, sondern er möchte, dass wir uns mit dem Film auseinandersetzen. Er reicht uns ein Puzzle, das wir erst zusammensetzen müssen, aber umso größer ist die Freude, wenn wir das große Ganze erkennen können. Bei David Lynch entsteht das Gefühl, dass er sein Publikum ernst nimmt. Er ist nicht darauf aus, unsere Geldbörsen zu leeren, sondern er möchte uns immer wieder neue Impulse mitgeben, die wir verinnerlichen und zu einem Teil von uns werden.

Fazit:

Insgesamt wirkt INLAND EMPIRE durch seine Struktur und seine Mittel wie ein dreistündiger Alptraum, der eine unglaubliche Faszination ausstrahlt. Dennoch muss man eine Warnung aussprechen: Der Film kann sehr überfordernd wirken und ist vollkommen unberechenbar. Gerade wenn man bisher wenig surreale Filme gesehen hat, ist INLAND EMPIRE vermutlich nicht der beste Einstieg. Da es sich hier um den bisher letzten Film von Lynch handelt, bei dem er an der Spitze seines Schaffens ist, sollte man vermutlich etwas früher in sein Werk einsteigen. Trotzdem kann man sagen, dass der Filmemacher mit INLAND EMPIRE ein sehr besonderes Werk geschaffen hat, das uns zum Nachdenken anregt. Viele Filme verpuffen einfach nach dem Sehen, nicht aber die Filme von David Lynch.

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Review Fakten + Credits


Originaltitel Inland Empire
Kinostart 6.12.2006
Länge: 197 minuten
Produktionsland France
Genre: Horror | Mystery | Thriller
Regie David Lynch
Executive Producer Marek Żydowicz
Producer Laura Dern | David Lynch | Mary Sweeney | Jeremy Alter | Kazimierz Suwala | Janusz Hetman | Michal Stopowski
Kamera David Lynch
Cast Laura Dern, Jeremy Irons, Justin Theroux, Harry Dean Stanton, Karolina Gruszka, Peter J. Lucas, Krzysztof Majchrzak, Jan Hencz, Grace Zabriskie, William H. Macy, Ian Abercrombie, Amanda Foreman, Cameron Daddo, Neil Dickson, Diane Ladd, Stanislaw Kazimierz Cybulski, Henryka Cybulski, Julia Ormond, Jordan Ladd, Terryn Westbrook

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