Review Fakten + Credits


Rezension

Ein opulentes Charity-Event gegen den Klimawandel, ein in Ungnade gefallener Hollywood-Star und ein Kult, der es sich zur Aufgabe macht, das Ende der Welt zu stoppen. Mit SACRIFICE startet am 16. Oktober ein satirischer Thriller in den Kinos, der versucht, Gesellschaftskritik mit dichter Atmosphäre zu verbinden.

Regisseur Romain Gavras wurde vielen Filmfans spätestens 2022 bekannt, als sein dritter Spielfilm ATHENA nach einer erfolgreichen Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig auf Netflix veröffentlicht wurde. Der französische Thriller über einen Widerstand gegen Polizeigewalt überzeugte durch seine beeindruckende Kameraarbeit und dichte Atmosphäre. Star-Regisseur David Fincher bezeichnete ihn damals als „gewaltig und mitreißend“.1

Wenn man jetzt noch den großen Erfolg in Betracht zieht, den Gavras schon lange in der Welt der Musikvideos feiert, sind die Erwartungen an seinen neuen Film hoch. Allein dieses Jahr überzeugte er mit den Musikvideos zu Yung Leans STORM I & II, die weitreichend zelebriert wurden. Wird sein neuestes Werk, erstmals mit einem Star-Ensemble, diesen Erwartungen gerecht?

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Jeanne d’Arc und ein Hollywood-Star

SACRIFICE dreht sich um eine Charity-Gala auf einer fiktiven griechischen Insel, die vom exzentrischen Ben Bracken (Vincent Cassel) und seiner Frau Gloria (Salma Hayek Pinault) geleitet wird. Besucht wird die Veranstaltung von einem reichen, privilegierten Publikum, unter ihnen der Hollywood-Star Mike Tyler (Chris Evans), der von Unsicherheiten nur so geprägt ist und gerne sein Image aufbessern würde. Das Ganze wird von einer militanten, vulkanbesessenen Sekte rund um Joan (Anya Taylor-Joy) und ihren Bruder Arthur (Jonatan „Yung Lean“ Leandoer) gekapert.

Schon mit ATHENA ließ sich Gavras von klassischen griechischen Tragödien inspirieren und orientierte sich damit an etablierten Storytelling-Strukturen und Geschichten, interpretierte sie und ihre Verhältnisse jedoch komplett neu. Auch in SACRIFICE lassen sich Elemente alter Geschichten wiederfinden. Taylor-Joys Figur Joan heißt nicht zufällig so, sondern ist klar durch die französische religiöse Widerstandskämpferin Jeanne d’Arc (Joan of Arc) inspiriert, die heute in der katholischen Kirche als Heilige verehrt wird. Wer nun aber eine interessante Neuinterpretation dieser bekannten Geschichte erwartet, könnte enttäuscht werden. SACRIFICE nutzt hier nur einige Elemente der Geschichte um Jeanne d’Arc und umringt diese mit eigenen, neuen Ideen voller Satire.

Satire vs. Atmosphäre

Genau hier gerät der Film leider schon zu Beginn etwas ins Wanken. Die mythische Atmosphäre rund um Joans Kult kann nie so wirklich Fuß fassen, da sie ständig durch Sequenzen unterbrochen wird, die eher das Ambiente einer mittelmäßigen Streaming-Komödie haben. Auch wenn einige Witze zünden (wie ein herrlich stumpfer Schnitt auf einen auf der Toilette sitzenden Chris Evans oder eine Musik-Performance der Nebenfigur Mother Nature, gespielt von Charli xcx), tritt der Humor oft in Konflikt mit dem Ton, den der Film sonst etablieren möchte. Dazu kommt, dass einige dramatischere Momente in der Mitte des Films mit etwas zu wenig Pathos inszeniert werden. Das Ergebnis sind einige Szenen, die plottechnisch funktionieren, aber selten berühren.

Szenenbild aus Sacrifice: Menschen in eleganter Abendgarderobe stehen und gehen in einer weitläufigen Halle mit hohen, weißen Marmormauern. Die Wände sind von feinen Linien und Bohrlöchern durchzogen, die an einen Steinbruch erinnern. Die Szene wirkt festlich und monumental, mit einer Mischung aus natürlicher und künstlicher Beleuchtung. [erstellt mit KI]

Sacrifice ©2026 ICONOCLAST, Mid March Media, Film 4, Heretic

Auch die Starbesetzung kann diese tonalen Unebenheiten schwer überspielen. Im Zentrum des Films steht Chris Evans, der seinen überzogenen Hollywood-Star zwar charmant verkörpert, aber in einem gänzlich anderen Film zu sein scheint als die herrlich stoische Anya Taylor-Joy. Auch einige andere Darsteller*innen überspielen ihre Rollen etwas und werden eher zu Karikaturen als zu lebendigen Figuren. Zu diesen gehören leider auch Salma Hayek Pinault und Vincent Cassel, die sonst oft großartig sind, hier aber nicht wirklich über ihre stumpfen Rollenbeschreibungen eines exzentrischen Milliardärspaars hinausgehen.

Einige Performances sind jedoch auch sehr zu loben. Anya Taylor-Joy beweist hier wiederholt, dass sie eine der besten Schauspielerinnen ihrer Generation ist, Sam Richardson ist herrlich unterhaltsam und die eher unbekannte Jade Croot ist der wahre Standout des Films, in dem sie als ruhige, ernst blickende Sektenanhängerin begeistert. Wie gut sie ist, scheint SACRIFICE auch selbst zu wissen und zelebriert ihre Performance quasi in einer längeren Sequenz gegen Ende des Films. Auch einige andere Nebendarsteller*innen, wie Jonatan „Yung Lean“ Leandoer, Ambika Mod oder Pop-Superstar Charli xcx in einer kleinen Nebenrolle, machen ihren Job unauffällig gut.

Auch die Bilder sind streckenweise schön und atmosphärisch, kommen aber nie auf das Niveau von Gavras’ Musikvideos oder seinem Vorgängerfilm ATHENA. Man mag diesen Vergleich als ungerecht wahrnehmen, aber ein Künstler, der so tief im popkulturellen Mittelpunkt steht wie Gavras, erschafft einfach eine Erwartungshaltung, die besprochen werden muss.

Szenenbild aus Sacrifice: Eine Frau mit blondem, schulterlangem Haar steht im Mittelpunkt eines Raumes. Sie trägt einen weißen Overall mit mehreren Taschen, einen breiten Gürtel und eine rote Stirnbinde. Der Raum ist modern und hell ausgeleuchtet. Links und rechts stehen Menschen in eleganter Abendgarderobe, darunter Anzüge und festliche Kleider, und bilden eine Gasse, durch die die Frau schreitet. [erstellt mit KI]

Sacrifice ©2026 ICONOCLAST, Mid March Media, Film 4, Heretic

Trotzdem beeindrucken einige Bildkompositionen, wie langsame Vulkanaufnahmen oder Einstellungen der Sekte Joans. Die Bildgestaltung ist hier insgesamt also überdurchschnittlich, bleibt jedoch durch die tonalen Inkonsistenzen des Films, die sich auch visuell bemerkbar machen, nie auf einem kontinuierlich beeindruckenden Niveau. Ein Beispiel dafür ist eine Szene in der zweiten Hälfte von SACRIFICE, in der Evans’ und Taylor-Joys Figuren wortwörtlich um ihr Leben rennen. Immer mal wieder gibt es hier imposante Einstellungen, wie z. B. eine, in der Joan in Zeitlupe in die Luft springt und einen Gegner niedertritt; der Rest der Szene ist jedoch auffällig konventionell gefilmt und geschnitten. Das Ganze ist unterhaltsam genug, erreicht aber nie das erhoffte künstlerische Niveau.

Zwischen modernen Ängsten und religiösem Kult

Thematisch möchte SACRIFICE dabei ein breites Spektrum an Themen wie den Klimawandel, Social-Media-Wahn, die Ängste eines Hollywood-Stars, die Arroganz der Superreichen oder religiösen Fanatismus behandeln. Diese Breite liefert zwar einige interessante Ansätze und thematische Elemente, die es schaffen, die Bilder des Films in bestimmten Momenten mit Bedeutung aufzuladen, überfordert die Struktur des Films jedoch zum Großteil.

Ins Zentrum möchten Gavras und sein Co-Drehbuchautor Will Arbery die charakterliche Entwicklung von Evans’ Mike Tyler stellen, der im Laufe des Films seine Ängste verarbeitet. Was ihn wirklich antreibt, wird jedoch nur angerissen. Unter anderem wird uns eine visuell interessante, aber inhaltlich schwammige Drogentrip-Traumsequenz serviert, die all seine Konflikte und Ängste zwar greifbar machen will, jedoch nicht darin resultiert, dass man sich wirklich in ihn einfühlen kann oder mit ihm mitfiebert, auch wenn seine Ängste rund um die Akzeptanz anderer oder sein Äußeres durchaus nachvollziehbar sind. Auch hier ist SACRIFICE uneben und versucht zu viele Elemente zu bedienen. Es fehlt ein klarer, spannender thematischer Fokus.

Szenenbild aus Sacrifice: Ein großer Saal mit mehreren runden Tischen, die mit weißen Tischdecken und hellblauen Überdecken eingedeckt sind. An den Tischen sitzen zahlreiche festlich gekleidete Menschen, viele tragen Abendkleidung wie Anzüge und elegante Kleider. Auf jedem Tisch steht eine leuchtende, würfelförmige Lampe. Die Menschen blicken in verschiedene Richtungen, einige schauen zu einer Person, die im Vordergrund steht und spricht. [erstellt mit KI]

Sacrifice ©2026 ICONOCLAST, Mid March Media, Film 4, Heretic

Trotz all dieser Kritikpunkte muss man anerkennen, dass die letzten zwanzig Minuten des Films einige dieser Schwachpunkte verlieren, wodurch ein Finale geschaffen wird, das fesselnd ist und ein interessantes Ende liefert. Spannung kommt zustande und man hinterlässt den Film positiver, als man zwischendurch erwartet hätte.

Fazit

SACRIFICE ist letztendlich ein unterhaltsamer, aber unebener Film, der sich nicht ganz entscheiden kann, was er eigentlich sein will. Trotzdem beeindruckt er mit seiner zum Großteil guten Star-Besetzung, so manchen schönen Bildern und einem beeindruckenden Finale. Auch in Anbetracht einiger Schwächen ist SACRIFICE des Schauens also wert. Ein Film, der sich, anders als andere ähnlich besetzte Produktionen, wenigstens ein bisschen was traut. Außerdem macht er Lust darauf, zu sehen, wohin Romain Gavras’ Karriere ihn als Nächstes verschlägt.

1 https://www.filmstarts.de/nachrichten/1000121308.html

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Review Fakten + Credits


Originaltitel Sacrifice
Kinostart 9.4.2026
Länge: 103 minuten
Produktionsland France
Genre: Abenteuer | Komödie | Action
Regie Romain Gavras
Executive Producer Will Arbery | Chris Evans | Phil Hunt | Ro Khanna | Richard Mansell | Compton Ross | Anya Taylor-Joy | Farhana Bhula | Chiara Gelardin | Jonathan Gray | Monika Ratajczak | Matthew Rhodes | Walid Said | Thorsten Schumacher | Michael Sklut
Producer Romain Gavras | Robert Walak | Gregory Jankilevitsch | Klaudia Śmieja-Rostworowska | Γιώργος Καρναβάς | Kate Glover | Jacob Perlin
Kamera Matias Boucard
Visual Effects Marc-Thomas Cavé | Thibaut Granier
Musik Surkin
Cast Chris Evans, Anya Taylor-Joy, Vincent Cassel, Salma Hayek Pinault, John Malkovich, Charli xcx, Yung Lean, Sam Richardson, Jade Croot, Ambika Mod, Bebe Massey, Jeremy O. Harris, Miriam Silverman, Δέσποινα Χαριάτη, Jennie Lattou, Rena Gioti

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