Hofer Filmtage – Kurzkritiken I
Ein paar Schlaglichter auf die Festivaltitel BAN DAL (HALBMOND), BECOMING HUMAN, FRIEDA und ZOKUZOKU: UNCANNY LAYOUTS.
Alle aufgeführten Titel sind im Online-Programm der Hofer Filmtage noch bis zum 01.11.2026 abrufbar.
Kammerspiel auf Koreanisch – „Ban Dal (Halbmond)“
Schweiz | 21 Minuten | von Hae-Sup Sin | mit Lale Yavaş, Eun Jung Shin, Mina An, Hae-Sup Sin
![Szene aus Ban Dal: Zwei Personen sitzen an einem gedeckten Holztisch. Die Frau trägt eine rotbraune Jacke und einen gemusterten Schal, sie lächelt. Der Mann neben ihr trägt ein hellgraues T-Shirt und blickt neutral. Auf dem Tisch stehen Metallbecher, Teller, eine Teekanne und eine blaue Vase im Hintergrund. Die Wand ist mit dekorativen Paneelen mit Vogel- und Pflanzenmotiven verziert. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/10/Ban-Dal-Still-2-1244x933.webp)
Filmstill Ban Dal © 2026, Hofer Filmtage
Das fein angerichtete Essen, das Hae-Sup Sin den Protagonist*innen seines kleinen Kammerspiels serviert, schafft höchstens eine kleine Brücke zwischen den Figuren. Zu groß scheinen die sprachlichen wie zwischenmenschlichen Barrieren, als Ji-hoons (Hae-Sup selbst) Schweizer Adoptivmutter Anette (Lale Yavaş) auf die leibliche Mutter (Eun-jung Shin) ihres Sohnes trifft. Konzentriert beobachtet Hae-Sup Sin das abendliche Beisammensein, legt Fokus auf Blicke, kleine Gesten, die authentisch unebenen Wortwechsel seiner Figuren, aber ebenso auf die stillen Lücken dazwischen.
Auf jede seiner vier Figuren, auch auf Sharon (Ahn Mi-na), die Begleiterin der Mutter, wirft BAN DAL ein kleines, sensibles Licht, schürft nach unterdrückten Gefühlen, Schuld und Neid, verschiedenen Familienmodellen und Mütterrollen. Und beinah beiläufig bröckeln die Barrieren doch, in einer wunderschön simplen Szene beispielsweise, in der Ji-hoons leibliche Mutter ihr Herz ausschüttet, Annette kein Wort versteht und doch ein unausgesprochenes Band zu ihr knüpft.
In nur etwas mehr als 20 Minuten schaffen Hae-Sup Sin, sein authentisches Ensemble und die Crew hinter der Kamera einen dichten Mikrokosmos mit leisem Humor, vielschichtigen Gefühlen und wundervoll komponierten Bildern, – ein prägnanter, persönlicher Kurzfilm, der auch ganz abseits der koreanischen Küche Appetit auf mehr macht.
Totentänze im Kinosaal – „Becoming Human“
Kambodscha | 98 Minuten | von Polen Ly | mit Serak Savorn, Piseth Chhun
![Szenenbild aus Becoming Human: Zwei Personen befinden sich in einem heruntergekommenen, teils offenen Gebäude. Eine Person sitzt auf einer niedrigen Mauer, während die andere steht und sich leicht vorbeugt. Im Hintergrund sind Gerüste und eine große, hängende Plane zu sehen. Die Wände wirken abgenutzt und fleckig, der Boden ist uneben und mit Schutt bedeckt. Das Licht fällt von oben in den Raum und erzeugt einen Kontrast zwischen hellen und schattigen Bereichen. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/10/Chiet-Chea-Manusa-Still-1-1400x757.webp)
Filmstill Becoming Human © 2026, Hofer Filmtage
Von einer löchrigen Kinodecke blättern die Erinnerungen an vergangene Vorstellungen, Schutt sitzt auf den Stühlen, ein herabhängender Vorhang kündigt Gespenstisches an. In dem maroden Lichtspielhaus, das kurz vor dem Abriss steht, führt nur noch Schutzpatronin Thida ihr geisterhaftes Leben. Ihre Begegnung mit einem jungen Journalisten, der sich in das alte Kino schleicht, um Abschied zu nehmen, setzt eine Reihe an Konfrontationen mit tiefverwurzelten Erinnerungen und Sehnsüchten in Gang.
Persönliche wie kollektive Erinnerungen verdichten sich in Polen Lys fesselnd-elegischem Spielfilmdebüt zu einer metaphysischen Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart. Nicht nur in Bezug auf das langsam verfallende Kino sondern auch auf die jüngere kambodschanische Geschichte. Nationale Traumata, der Völkermord durch die Rote Khmer, postkoloniale Einschnitte zeugen von tiefsitzendem Schmerz, der in BECOMING HUMAN niemals laut, sondern flüsternd hervorbricht: Aus dem subtilen Schauspiel von Serak Savorn und Piseth Chhun, aber auch aus vielen Einstellungen von Son Doan, der bereits in VIET & NAM hypnotische Bilderwelten schuf.
Seine eingehende Aufnahmen, die fesselnden Landschaften tragen die tiefgründigen Emotionen und verleihen auch unausgesprochener Wehmut und leiser Hoffnung ein eindringliches Gesicht. Ein Film in meditativen Kapiteln, manche spirituell, andere nüchterner, aber immer gemächlich treibend, auf den entschleunigten Wogen von Ming-liang Tsai und Apichatpong Weerasethakul.
Enitsuj Nitsrik Ekena Adeirf – „Frieda“
Deutschland, Österreich | 101 Minuten | von Felix Hassenfratz | mit Naila Schuberth, Julia Jentsch, Rafael Stachowiak, Dana Plaul, Markus Hering, Heike Hanold-Lynch, Anne Weinknecht, Judith Altenberger, Bettina Stucky, Darja Mahotkin

Filmstill Frieda © 2026, Hofer Filmtage
1984, süddeutsche Provinz. In Felix Hassenfratz‚ dialektgesättigtem Familiendrama schwelt die Vergangenheit unaufhörlich. Ausgesprochen wird sie selten, also suchen die Titelheldin und die Erzählung selbst nach eigenen Wegen und Antworten.
Sparsame Fantasie- und Gruselelemente werden zum ambivalenten Ausdrucksmittel unterdrückter Schmerzen und gegenwärtiger Ängste vor einem möglichen Atomkrieg. Für Frieda, sensibel gespielt von Nalia Schuberth, aber auch zu einer Art Bewältigungsstrategie. Aus ihrer Perspektive heraus schält Hassenfratz schroffe Familienskizzen, eine ungewöhnliche Schwesterngeschichte und allerhand wohlgehütete Geheimnisse. Immer wieder lauscht die junge Protagonistin ihren Verwandten, beobachtet sie aus sicherer Entfernung, durch das Treppengeländer, schnappt Informationen auf, füllt Leerstellen mit ihrer eigenen kindlichen Logik aus. Diese beeinflusst das Wesen der Geschichte, die anstatt politisch tief eher märchenhafter, aber nie verklärter Natur ist.
Generationale Traumata, instabile Lügengebilde, Nazi-Vergangenheit, sexueller Missbrauch und zerstörerische Familiendynamiken hängen bedrohlich über den unaufgeregten Bilder, vieles davon bleibt angedeutet, nur sporadisch ausgearbeitet. Der Ruf des deutschen Historienfilms ist gewiss nicht der beste: Hassenfratz und sein Cast erfinden ihn nicht neu, gestalteten ihn aber immer mal wieder reizvoll aus.
Backroom – „ZOKUZOKU: Uncanny Layouts“ von Hiroki Fujimoto
Japan | 86 Minuten | von Hiroki Fujimoto | mit mit Ginji Watanabe, Junpei Hamada, Daigo Nagami, Kohei Masuda, Naru Komukai, Akari Konno, Mao Yoshino, Ken Hatta, Kumiko Shimohigashi, Hibiki Yagi, Miyuki Nagami, Mo Ne, Rena Sato

Filmstill ZOKUZOKU: Uncanny Layouts © 2026, Hofer Filmtage
Fünf unterschiedlich ausführliche Kapitel formen Hiroki Fujimotos knapp neunzigminütigen J-Horror. Im Zentrum: ein Raum, der eigentlich gar nicht existiert, der in Geschäftsberichten, Social-Media-Beiträgen und Livestream-Ausschnitten dennoch immer wieder gespenstisches Eigenleben entwickelt. Wesentlich unspektakulärer als die Aufzeichnungen der unterschiedlichen Protagonist*innen sind die Mittel, mit der Hiroki seinen Grusel zum Leben erweckt: knarzende Dielen, flackernde Lichter und Wackelkamera bewegen sich auf schmalen Grat zwischen effektiv simpel und abgenutztem Klischee.
Am eingehendsten erweist sich, insbesondere in den ersten Kapiteln, eine unheimliche Ruhe, die gekonnt mit den Vorstellungen und Erwartungen des Publikums spielt. Jumpscares und Blutbäder werden weitgehend vermieden, eher noch scheint der Film an der Meta-Ebene verschiedener Dokumentationsformen und den Dingen interessiert, die die Erzählperspektiven der Einzelnen beeinflussen. Wirklich tief wagt er sich darin aber auch nicht vor. Zwischen Gruselspitzen und Hommage an die unverkennbaren Genrevorbilder ist ZOKUZOKU: UNCANNY LAYOUTS ein gemächlicher, aber wenig herausragender Gruselfilm, der in seinen ruhigen Kapiteln wesentlich eingehender ist, als in seinen gesprächigen.
![Szenenbild aus Ban Dal: Im Vordergrund ragt das Dach eines traditionellen koreanischen Gebäudes schräg ins Bild. Dahinter erhebt sich ein hoher Turm mit rundem Aussichtsbereich und Antenne, der von unten nach oben fotografiert wurde. Der Himmel ist dunkelblau, im oberen Bildbereich steht eine schmale Mondsichel. Um den Turm und das Dach sind die Silhouetten von Bäumen zu sehen. Links unten sind große, weiße Schriftzeichen in koreanischer Sprache zu erkennen. [erstellt mit KI]](https://riecks-filmkritiken.de/wp-content/uploads/2026/10/Ban-Dal-Still-1-1.webp)
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