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Review Fakten + Credits


Darum geht es

Im Frühjahr 1917 meldet sich der 17-jährige Paul Bäumer mit seinen Schulkameraden freiwillig zum Kriegseinsatz, den sich die jungen Männer als heldenhaftes Abenteuer vorstellen. Doch schon am ersten Tag an der Front müssen sie mit Grauen erkennen, dass die nationalistischen Kampfreden ihrer Lehrer nichts mit der Realität des Krieges zu tun haben. Schlecht ausgebildet und unterversorgt zieht Paul in einen längst verlorenen Kampf, der schon Millionen Leben verschlungen hat. Unterdessen verhandelt der Reichsregierungsbeauftragte Matthias Erzberger verzweifelt um einen Waffenstillstand.

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Rezension

Trotz durchgehend soliden Schauspiels und hervorragender Ausstattung, trotz des durchdringend anachronistischen Soundtracks von Volker Bertelsmann und James Friends schmutzig-kalten Kameraaufnahmen ist Edward Bergers Leinwandadaption Erich Maria Remarques’ gleichnamigen Klassikers letztlich eine Enttäuschung. Mehr noch, eine Enttäuschung, die zu erwarten war angesichts der ungebrochenen Kraft Lewis Milestones genreprägender Verfilmung und der Romanvorlage selbst. Beider Verbot während der Nazizeit und das Wissen um die historische Schuld am Weltkrieg, in den der 17-jährige Paul Bäumer (Felix Kammerer) und seine jingoistisch aufgewiegelten Schulkameraden ziehen, scheint die treibende Motivation hinter der Neuverfilmung. Selbige konstruiert eine komplette Parallelhandlung im Dienste einer ebenso überflüssigen wie kontraproduktiven polithistorischen Einrahmung.

Szenenbild Kriegsfilm: WWI Schützengraben unter Angriff

All Quiet on the Western Front © Netflix

Die in ihrer formalistischen Nüchternheit als dramatischer Kontrast zum Kampfspektakel inszenierte Friedensverhandlungen Matthias Erzbergers (Daniel Brühl) präsentieren einmal mehr die für deutsche Kriegsfilme typische ethische Identifikationsfigur, zu der Erzberger überhöht wird. Die narrativen Auslassungen wie Pauls Familienbesuch im Heimaturlaub und Krankenhausaufenthalte limitieren die Charakterisierungen in einer Form, die der Ausbau der Schützengraben- und Schlachtfeld-Szenen nicht aufwiegt. Vielmehr reduziert Überexposition die verstörende Wirkung des Horrors, in dem Berger in immer gleichen Einstellungen schwelgt. Obzwar das Gefühl sinnloser Wiederholung und quälenden Wartens Teil der Kriegserfahrung ist, unterstreicht es die Überflüssigkeit einer Neuverfilmung, die mehr von Preisambition und Pflichtschuld geprägt ist als Inspiration.

 

Fazit

Stilisierter Negativfilm mit roter Ziffer 6Anders als bei Milestone verleihen die Änderungen, die Edward Berger in seiner Kinoversion Remarques autobiografisch geprägten Anti-Kriegsromans vornimmt, der bekannten Geschichte weder zusätzliche psychologische Tiefe noch dramaturgische Prägnanz. Eine neukonzipierte Nebenepisode verwässert die Handlung, die monumentale Wucht und prestigeheischender Pathos zu epischen Proportionen und Überlange aufblähen. Zusammen mit historischen Patzern und dem Wegfall des essenziellen Bezugs zum Titel verstärkt dies den Eindruck, dass es hier mehr um die Oscar-Nominierung geht als die Romanvorlage.

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