Hofer Filmtage – Kurzkritiken II

Ein paar Schlaglichter auf die Festivaltitel PALE SUN, PARADEISA, PIPES und THE SPACE WE CALL HOME.

Alle aufgeführten Titel sind im Online-Programm der Hofer Filmtage noch bis zum 01.11.2026 abrufbar.


Sonne und Schatten – „Pale Sun“

Frankreich | 15 Minuten | von Jawahine Zentar und Adrian Moyse Dullin | mit Anass El Hmami und Baki Bousmaha

Szenenbild aus Pale Sun: Ein Junge mit braunen Haaren sitzt auf einem blauen Handtuch am Sandstrand. Er trägt ein hellblaues T-Shirt und kurze Hosen und blickt auf eine Person, die neben ihm auf dem Rücken liegt. Die liegende Person ist oberkörperfrei und hat einen Arm über die Stirn gelegt. Im Hintergrund sind weitere Menschen auf bunten Handtüchern und Liegen zu sehen, einige mit Sonnenschirmen. Die Szene spielt bei sonnigem Wetter.

Filmstill aus Pale Sun © 2026, Hofer Filmtage

Im wahrsten Sinne hautnah bewegt sich die Kamera an den Figuren von Jawahine Zentars und Adrian Moyse Dullins Kurzfilm: mustert Details, dreht sich weg, schwimmt davon, taucht ab. Nah am Vater (Baki Bousmaha), der an Krebs erkrankt, sehr schmächtig ist, noch näher an Abel (Anass El Hmami), dem jungen Protagonisten, der sich für das Aussehen des Vaters schämt.

Authentisch verkörpert Anass El Hmami das Aufgewühltsein, die inneren Spannungen des Jungen, in dem diffuse Gefühle mindestens so dynamisch aufeinanderklatschen wie die Wellen, in die er sich stürzt. Baki Bousmaha spielt den Vater, der sich nicht verstecken will, Zugang sucht, aber nicht erzwingt, zurückhaltender, aber nicht weniger natürlich. Mit Geduld und Augenhöhe nähern sich Zentar und Dullin deren zögerlichen Miteinander empathisch an.

Statt großer Dialoge erzählen Close-ups, beiläufige Beobachtungen und sanfte Allegorien; statt sentimentaler Musik das authentische Zusammenspiel. Von komplexen Gefühlen, zugänglichen Figuren, von Blicken, Gesten, von Gollum und Verbündeten, von einer Vater-Sohn-Geschichte, die niemals eine finale Lösung aufdiktiert, aber immer wieder ehrliche Gefühle aus der Tiefe fischt.


Wie schreibt man Œuvre? – „Paradeisa“

Deutschland | 79 Minuten | von Marleen Valien | mit Rada Rae, Robert Finester, Carlo Krammling, Matthew Teuber, Via Jikeli, Valery Tscheplanowa

Ein Mädchen mit langen, dunklen Haaren blickt konzentriert nach rechts. Sie trägt ein gestreiftes Oberteil. Im Hintergrund stehen auf einem Regal verschiedene Flaschen und Verpackungen, rechts sind mehrere bunte Schachteln aufgestapelt. Das Licht fällt von links durch ein Fenster und beleuchtet ihr Gesicht seitlich. [erstellt mit KI]

Filmstills aus Filmen der Hofer Filmtage © 2026, Hofer Filmtage

Ein erfolgloser Künstlervater plant seinen eigenen Tod, um den Wert seiner Kunstwerke zu steigern, und spannt kurzerhand seine beiden Kinder ein. Um die Geschichte wasserdicht zu halten, tüfteln sie gemeinsam an einem wackeligen Netz aus Lügen.

Solche existieren in Marleen Valiens Spielfilmdebüt nicht nur nach außen, sondern auch innerhalb des kleinen Familiengefüges bestehend aus dem freischnäuzigen wie manipulativen Edgar (Robert Finester), dessen Sohn Jonathan (Carlo Krammling) und der eigentlichen Hauptfigur: Tochter Lou (Rada Rae). Ihrer Perspektive nimmt sich die kleine, schwarzhumorige Geschichte am häufigsten an, großartig gespielt von Rada Rea, die die junge selbstbewusste Protagonistin ebenso sensibel wie energiegeladen verkörpert.

Als ähnlich lebhaft und munter entpuppen sich die dynamische Kameraführung, pointierte Schnitte und die aufgeweckte Musik, die die schrulligen Szenerien ausschmücken. Doch Valien interessieren nicht nur die skurril-verrückten, mitunter morbiden Ideen, die das ungleiche Trio in die Tat umsetzt, sondern auch das ernste Fundament und die sensibel bebilderten Ängste dahinter. PARADEISA ist nicht nur leichtfüßig und tragikomisch, keine bloße Kunst- und Künstlerparodie, sondern auch eine zugängliche, ehrlich-emotionale Erzählung von stützendem und destruktivem Familienzusammenhalt und von der Sehnsucht nach Zuneigung und Geborgenheit.

PARADEISA ist einer der großen Gewinner der 60. Hofer Filmtage: ausgezeichnet mit dem Friedrich-Baur-Goldpreis, dem Bild-Kunst-Förderpreis für das beste Szenenbild sowie dem Hofer Kritikerpreis für die Beste Regie und die Beste Produktion.


Whats the film about, Alfred Hitchcock? – „Pipes“

Libanon, Katar, Saudi-Arabien | 113 Minuten | von Karim Kassem | mit Ghassan Saad, Nohad Abou Hamdan

Umringt von einigen Bäumen steht ein Mann in blauer Hose, blauem Oberteil und weißer Cap auf einer Wiese und schaut in die Natur.

Filmstills aus Pipes © 2026, Hofer Filmtage

So stoisch und bodenständig wie der einsame Protagonist mit der rauchigen Stimme und der geflickten Klapperkiste, mit der er tagtäglich von Nachbar zu Nachbar tuckert, erzählt Karim Kassem von dessen repetitiven Alltag. Zwar ist Hassan längst im Ruhestand vom Dienst in der Wasserbehörde, doch die Anliegen seiner Nachbarn sind hartnäckig, die Probleme des kleinen Örtchens spitzen sich zu. Während das libanesische Dorf auf Wasser wartet, versucht Hassan aber eigentlich seinem verstorbenen Freund Reda die letzte Ehre zu verweisen.

Im ersten Teil ist Kassems loses Spin-off zu MOONDOVE ein nuanciertes, von lakonischem Humor durchsetztes Figuren- und auch Gemeinschaftsporträt, im zweiten Teil ein immer noch deutlich zurückgenommener, aber auch bemühterer Kriminalfall. Ghassan Saad trägt beides mit einer subtilen, eingehenden Performance, die den Film, wie die nie aus der Ruhe zu bringenden Aufnahmen des Dorfes und der umliegenden Landschaften, angenehm erden. Authentische Emotionen, tiefe Freundschaften, unklare Erinnerungen und unaufdringliche Allegorien verdichten sich zu einem mäandernden wie empathischen Spielfilm, der selten ein Wort zu viel verliert und mit seiner gewissenhaften Inszenierung und Schlichtheit erstaunlich nahegeht.


(Mars)Wohnlandschaften – „The Space We Call Home“

Österreich | 64 Minuten | von Eva Pieroth | mit Christiane Heinicke, Barbara Imhof, Cruz García, Aleksandar Janjic, Marjolein Jonker, Evilien van Veen, Laurens van der Wal

Auf einer Wiese steht eine graue, umgedrehte Pyramide, ringsum sie herum stehen graue Säulen.

Filmstills aus Filmen der Hofer Filmtage © 2026, Hofer Filmtage

Nur zu Teilen dreht sich Eva Pieroths knapp sechzigminütiger Doku-Cluster um die Möglichkeit, in Zukunft andere Planeten zu bewohnen. Viel zentraler ist in der formelhaften Zusammenstellung von verschiedenen Stimmen aus Wissenschaft, Architektur und Aktivismus der Einblick in nachhaltiges Leben und Wohnen selbst.

Von der einjährigen Mars-Simulation und Langzeitstudie HI-SEAS IV über Architektur auf dem Meer und in der Schwerelosigkeit, über Rückschlüsse aus der Weltraumforschung auf ressourcenschonendes Leben bis zur Besitzerin eines Tiny Houses begleitet der Film eine Vielzahl kleiner Segmente, die thematisch zwar zusammenhängen, aber ein reichlich unentschlossenes Doku-Mosaik bilden.

Biologische, psychologische, soziologische, astronomische und weitere Faktoren kursieren durch die unterschiedlichsten Sichtweisen. Manche von ihnen – die Romantisierung und die Versachlichung der Natur – sorgen für Reibung unter einzelnen Perspektiven, andere neigen zu Phrasen oder sind auffallend wenig aktuell (bereits 2016 wurde HI-SEAS IV beendet). Verbunden werden die einzelnen Stationen, vor allem von einem bedeutungsschwangeren Voice-over sowie dem produktiven Zukunftsdenken vieler Protagonist*innen. Und leider von der Tatsache, dass bei aller Stimmen- und Themenvielfalt nur westliche, weiße Gegenwarts- und Zukunftsvisionen im Raum stehen. Ein in seiner Kürze kaum einmal tief einsteigender, formal austauschbarer Doku-Überblick.