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Originaltitel: Nowhere Special
Kinostart: 07.10.2021
Länge: ca. 96 Minuten
Produktionsland: Vereinigtes Königreich | Italien | Rumänien
Regie: Uberto Pasolini
Schauspieler:innen: James Norton | Daniel Lamont | Eileen O‘Higgins
Genre: Drama
Verleih: Piffl Medien GmbH

Nowhere Special

Nowhere Special ©2021 Piffl Medien

Regisseur Uberto Pasolini fand einen kleinen Beitrag im „Daily Mirror“, wo ein krebskranker Vater nach einem angemessenen Vormund für seinen vierjährigen Sohn suchte. Auf Basis dieser Geschichte entwickelte er die Idee und Drehbuch zu NOWHERE SPECIAL. Mittels Nachforschungen wollte er den betroffenen Vater ausfindig machen, doch war es nicht möglich die Geschichte zurückzuverfolgen aus datenschutzrechtlichen Gründen. Doch Pasolini machte sich daraufhin Gedanken, wie es wäre in einer solchen Situation zu stecken. Tatsächlich ist es nicht so leicht Informationen und Statistiken über Vollwaisen zu finden. Die meisten Daten beruhen auf dem Verlust eines Elternteils. Bekannt ist, dass die Plätze in den Kinderdörfern immer magerer werden und das Personal bei weitem nicht mehr ausreicht. Der hiesige Film beschäftigt sich jedoch mit einem ganz besonderen Fall der Elternlosigkeit, wie die Inhaltsangabe zeigen wird.

Eigene Recherchen ergaben ein erstaunlich ernüchterndes Ergebnis. Ratgeber für im Sterben liegende Alleinerziehende Menschen gibt es nicht – und wenn doch, so sind sie nur sehr schwer zu finden unter den unzähligen Berichten von größeren Problemfeldern. Für mich stellte sich die Frage: was würde ich tun, wenn ich gerade die verzweifelte Nachricht bekommen würde, dass ich nicht lange mehr zu leben hätte und mich um ein Kind kümmern müsste. Eine Nachricht an das Jugendamt Berlin hat bis heute noch keine Ergebnisse eingebracht. Ob es Organisationen für einen solchen Fall gibt, ist ebenfalls unbekannt. Doch ich recherchiere weiter und werde in einem separaten Tab die Ergebnisse zusammenstellen für Menschen, die womöglich von einem ähnlichen Schicksal betroffen sein könnten. In jedem Fall sei jedoch gesagt – der erste Anlaufpunkte sollte immer das Jugendamt sein. Von dort können weitere Schritte koordiniert werden.

Darum geht es…

John ist ein alleinstehender und engagierter Vater, welcher versucht seinem vierjährigen Sohn Michael alles möglich zu machen im Leben. Dies ist nicht so einfach, denn er hat nur einen undankbaren Job als Fensterputzer und spart sich das Geld mühsam zusammen. Doch das ist nicht Johns einziges Problem, denn er ist schwerkrank und weiß genau, dass ihm nur noch wenige Monate bleiben. Sein Tod ist unausweichlich. Weitere Verwandte gibt es nicht. John muss also eine Pflegefamilie finden, die Michael bei sich aufnimmt und ihn so großzieht, wie er es gerne getan hätte. Dabei muss er sich einerseits selbst klar werden, was er seinem Sohn genau wünscht und andererseits abwägen, welche Entscheidung die wirklich Richtige sein wird. Darüber hinaus hat er nicht nur mit seiner Krankheit zu kämpfen, die sich immer schlimmer auswirkt, sondern auch mit dem Gedanken: Welches Vermächtnis hinterlasse ich meinem Sohn.

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Rezension

Eigentlich ist NOWHERE SPECIAL ein Horrorfilm. Er ist brutal, unnachgiebig und gnadenlos. Jede Szene schmerzt mit anzusehen und lässt das Blut gefrieren. Und all das ohne körperliche Gewalt jeglicher Art. All das entspringt der seelischen Folter, die wir erleiden, während wir das Leid des Protagonisten immer mehr wahrnehmen und zunehmend begreifen, welch schreckliche Melodramatik dahintersteckt. Erst allmählich entfalten sich die einzelnen Problematiken, die schon allein betrachtet eine so große Last darstellen, dass man sie niemandem zumuten möchte – und unser Protagonist hat gleich mehrere davon völlig allein zu stemmen.

Nowhere Special

Nowhere Special ©2021 Piffl Medien

Schon dieser kurze Einblick in die Handlung zeigt, dass ein Gute-Laune-Film hier vollkommen ausgeschlossen ist und auf das Publikum ein schwermütiges, tragisches und gedankenschweres Werk wartet. Schon das Titelbild in Kombination mit dem Filmtitel erweckt leichte Assoziationen an Werke von Ken Loach, welcher ebenfalls bekannt ist für keine leichten Filme, aber eben auch aussagekräftige Geschichten. Diese Aussagekraft scheint NOWHERE SPECIAL nicht ganz so entfalten zu können, da der Film selbst eher gediegen und ruhig gestaltet ist und das Publikum Stück für Stück an die Materie heranführt. Doch der äußere Schein kann oft trügen, denn tatsächlich hallt die Geschichte ordentlich nach. Während also während der Handlung die Tiefsinnigkeit nur begrenzt entfaltet wird, beginnt man in der rückwirkenden Betrachtung zunehmend die dramatischen Elemente zu erfassen und die Tragweite gewisser Geschehnisse zu erkennen.

Schauspieler-Duo des Jahres?

Das liegt daran, dass der Film weitestgehend geschmeidig und sanft dahingleitet und ans Ufer schwappt, wie eine kleine harmlose Welle, nachdem irgendwo in weiter Entfernung ein Stein ins Wasser geworfen wurde. Es werden geschickt die leisen, aber eben auch intensiven Töne getroffen und NOWHERE SPECIAL zeichnet sich nicht aus durch eine große Moralpredigt, sondern durch den Genuss des einzelnen Moments. Insbesondere Hauptdarsteller James Norton, der zuletzt in LITTLE WOMEN und RED SECRETS – IM FADENKREUZ STALINS zu sehen war, hat sein Schauspiel auf die tragische Situation hervorragend angepasst. Er schafft es zugleich stark und mutig zu wirken, aber auch gebrechlich, verzweifelt und hilfsbedürftig. Es fällt absolut leicht mit ihm mitzufühlen und seinen Schmerz zu durchleiden. Er ist in jedem einzelnen Moment einfach fabelhaft.

Nowhere Special

Nowhere Special ©2021 Piffl Medien

Und dennoch schafft es jemand ihm die Show zu stehlen: Der damals vierjährige Kinderschauspieler Daniel Lamont spielt sich ins Herz aller. Auch wenn hier wohl weniger Schauspiel als Natürlichkeit hinter steckt, ist es doch genau das, was einem Film seine Qualität bringt. Um diese Ehrlichkeit zu gewährleisten, hat Norton teilweise schon einige Stunden vor Drehbeginn mit Daniel Zeit verbracht, um eine ganz natürliche Bindung und Beziehung zu ihm aufzubauen und damit weniger ein Schauspiel aufzuführen als doch eine wahre und unverfälschte Szenerie, die der Realität entspringt. Auch abseits der Beiden bekommen wir ein fantastisches Ensemble zu sehen, die egal in welcher Präsenz, stets hervorragend in das Setting passen und den Emotionen einen Schubs geben. So schafft es ein Hausbesitzer, der James Nortons Figur als Fensterputzer beauftragt, regelrecht Widerwärtigkeit und Hass im Publikum hervorzurufen angesichts der Situation und Ausdrucksweise.

Nowhere Special

Nowhere Special ©2021 Piffl Medien

Wir können entscheiden

NOWHERE SPECIAL macht eine Sache äußerst genial: Der Film bezieht die Zuschauenden in die Handlung mit ein und lässt uns zusammen mit dem Vater auf die Suche gehen nach einer geeigneten Pflegefamilie. Immer wieder ertappen wir uns dabei, dass wir selbst beginnen abzuwägen, ob die vorgestellte Familie unseren persönlichen Kriterien entsprechen würde, wenn wir in der Situation wären. Immer wieder müssen wir auch feststellen, dass wir ähnlich wie der Protagonist Feinheiten finden, die uns unangenehm aufstoßen, um letztlich jedoch festzustellen, dass es hier wie bei der Partnersuche ist: Absolute Perfektion gibt es nicht und es sind letztlich die kleinen Dinge, auf die es kommt.

Bewertung Michel RieckFazit

Mit diesem NOWHERE SPECIAL erhalten wir somit ein Werk, welches ungewöhnliche Themen anspricht und versucht diese so gefühlvoll und leidenschaftlich wie möglich angesichts der enormen Tragik dahinter zu erzählen. Es ist unglaublich schwer die Emotionen des Publikums in andere Richtungen zu steuern als ins Mitleidige und Trauernde und doch schafft es Regisseur Pasolini besonders durch die gelegentlich strahlenden Kinderaugen auch Freude unterzubringen. Dieser Film hat natürlich auch kleine Fehler und wenn man genau hinschaut, finden wir bestimmt einige Aspekte, die noch intensiver oder tiefgründiger hätten ausgestaltet werden können, doch dies möchte ich an dieser Stelle nicht zum Vorwurf machen, weil es schon sehr mutig ist, sich überhaupt an solch einer Thematik zu versuchen. Hier ist viel Leidenschaft zu erkennen und die wurde auch belohnt und somit kann ich nur zurecht eine Empfehlung aussprechen in diesen Film unbedingt einmal reinzuschauen.

Eigentlich ist Nowhere Special ein Horrorfilm – er ist brutal, unnachgiebig und gnadenlos. Jede Szene schmerzt mit anzusehen und lässt das Blut in den Adern gefrieren. Und all das, obwohl im Film nichts passiert, was ein Sechsjähriger sich nicht auch anschauen könnte. Uberto Pasolini schafft es eine Geschichte zu erzählen, die auf wahren Ereignissen fußt und dennoch völlig außergewöhnlich ist. Es sind stets die berühmten Sonderfälle, die den Reiz einer Erzählung ausmachen und genau solch einen hat Pasolini gefunden. Doch dabei bleibt es nicht, denn tatsächlich sind mit James Norton und dem damals vierjährigen Daniel Lamont auch die absolut besten Darsteller zum Casting erschienen, die er sich hätte wünschen können, denn die Natürlichkeit, die Ehrlichkeit und die Lebensfreude, die beide schaffen auszustrahlen bieten dem Film alle Stärken, die er hat. Es handelt sich um einen sehr kleinen Film, der mutmaßlich nie wirklich viel Aufmerksamkeit kriegen wird und auch sehr sanft und gediegen daherkommt, aber dennoch eine umfassende und schwere Story liefert und in seiner Erzählkraft einfach fabelhaft ist. Hier steckt Leidenschaft hinter, die es verdient wertgeschätzt zu werden, weshalb ich sehr zu dem Film raten möchte!

Nowhere Special

Nowhere Special ©2021 Piffl Medien

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Original title: Nowhere Special
Cinema release: 07.10.2021
Length: approx. 96 minutes
Country of production: United Kingdom | Italy | Romania
Director: Uberto Pasolini
Actors: James Norton | Daniel Lamont | Eileen O’Higgins
Genre: Drama
Distributor: Piffl Medien GmbH

Nowhere Special

Nowhere Special ©2021 Piffl Medien

Director Uberto Pasolini found a small item in the „Daily Mirror“ where a father suffering from cancer was looking for a suitable guardian for his four-year-old son. Based on this story, he developed the idea and script for NOWHERE SPECIAL. Through research he wanted to find the father concerned, but it was not possible to trace the story for reasons of data protection. But Pasolini then thought about what it would be like to be in such a situation. In fact, it is not so easy to find information and statistics about orphans. Most data is based on the loss of a parent. It is known that the places in the children’s villages are getting leaner and the staff is far from sufficient. The film here, however, deals with a very special case of parentlessness, as the synopsis will show.

My own research yielded an astonishingly sobering result. Guidebooks for dying single parents do not exist – and if they do, they are very hard to find among the countless reports of major problem areas. For me, the question arose: what would I do if I just got the desperate news that I didn’t have long to live and had to take care of a child? A message to the Berlin Youth Welfare Office has not brought any results to date. Whether there are organisations for such a case is also unknown. But I am continuing my research and will compile the results in a separate tab for people who might be affected by a similar fate. In any case, the first point of contact should always be the youth welfare office. From there, further steps can be coordinated.

That’s the story about

John is a single and committed father who tries to make everything possible in life for his four-year-old son Michael. This is not so easy, because he only has a thankless job as a window cleaner and laboriously saves up the money. But this is not John’s only problem, for he is seriously ill and knows full well that he has only a few months left. His death is inevitable. There are no other relatives. So John has to find a foster family that will take Michael in and raise him the way he would have liked. In the process, he has to figure out for himself exactly what he wants for his son on the one hand, and on the other, weigh up which decision will really be the right one. In addition, he has to struggle not only with his illness, which is getting worse and worse, but also with the thought: what legacy will I leave my son.

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Review

Actually, NOWHERE SPECIAL is a horror film. It is brutal, unrelenting and merciless. Every scene hurts to watch and makes the blood run cold. And all this without physical violence of any kind. All of this springs from the mental torture we suffer as we become more and more aware of the protagonist’s suffering and increasingly understand the terrible melodrama behind it. Only gradually do the individual problems unfold, which, considered alone, are such a great burden that one would not want to impose them on anyone – and our protagonist has to cope with several of them entirely on his own.

Nowhere Special

Nowhere Special ©2021 Piffl Medien

Even this brief glimpse into the plot shows that a feel-good film is completely out of the question here and that a melancholy, tragic and thought-provoking work awaits the audience. Even the title picture in combination with the film title evokes slight associations with works by Ken Loach, who is also known for not making light films, but also for telling meaningful stories. NOWHERE SPECIAL does not seem to be able to unfold this expressiveness in quite the same way, as the film itself is rather dignified and calm and introduces the audience to the subject matter bit by bit. But appearances can often be deceptive, because in fact the story reverberates properly. So while during the action the profundity is only developed to a limited extent, in retrospective viewing one increasingly begins to grasp the dramatic elements and realise the implications of certain events.

Actor – Duo of the Year?

This is because the film glides along smoothly and gently for the most part, lapping at the shore like a small harmless wave after a stone has been thrown into the water somewhere far away. The quiet but also intense tones are skilfully hit and NOWHERE SPECIAL is not distinguished by a big moral lecture, but by the enjoyment of the individual moment. In particular, lead actor James Norton, who was most recently seen in LITTLE WOMEN and RED SECRETS – IM FADENKREUZ STALINS, has adapted his acting to the tragic situation superbly. He manages to appear strong and brave at the same time, but also frail, desperate and in need of help. It is absolutely easy to sympathise with him and suffer through his pain. He is simply fabulous in every single moment.

Nowhere Special

Nowhere Special ©2021 Piffl Medien

And yet someone manages to steal his thunder: The then four-year-old child actor Daniel Lamont plays himself into everyone’s heart. Even though there is probably less acting than naturalness behind this, it is precisely this that gives a film its quality. In order to ensure this honesty, Norton sometimes spent several hours with Daniel before filming began in order to build up a completely natural bond and relationship with him and thus perform less of an act and more of a true and unadulterated scene that springs from reality. Away from the two of them, we also get to see a fantastic ensemble cast who, no matter what their presence, always fit into the setting brilliantly and give the emotions a boost. For example, a homeowner who hires James Norton’s character as a window cleaner manages to evoke downright distaste and hatred in the audience given the situation and expressions.

Nowhere Special

Nowhere Special ©2021 Piffl Medien

We can decide

NOWHERE SPECIAL does one thing extremely brilliantly: the film involves the audience in the plot and lets us go on a search for a suitable foster family together with the father. Again and again we find ourselves beginning to weigh up whether the family presented would meet our personal criteria if we were in the situation. Time and again we also find that, like the protagonist, we find subtleties that make us uncomfortable, only to realise in the end that it is like finding a partner: absolute perfection does not exist and it is ultimately the little things that matter.

Bewertung Michel RieckConclusion

With this NOWHERE SPECIAL we thus get a work that addresses unusual themes and tries to tell them as sensitively and passionately as possible in view of the enormous tragedy behind them. It is incredibly difficult to steer the audience’s emotions in any other direction than pitying and mourning, and yet director Pasolini also manages to accommodate joy, especially through the occasional shining child’s eyes. Of course, this film also has small flaws and if you look closely, you will certainly find some aspects that could have been developed even more intensively or profoundly, but I don’t want to reproach this at this point, because it is very brave to even attempt such a topic. There is a lot of passion here and it has been rewarded, so I can only rightly recommend that you definitely take a look at this film.